Sonntag, 23. August 2009

23. Aug 2009 Von Ananassassen und nächtlichem Tanzen


Sonntag, 26. April 2009

6. Tiere - Des Menschen Freud und Leid

Frau G. ist tierlieb. Sie wohnt selber mit einem dicken, eigensinnigen und fast menschlichen Kater Paul zusammen und der eigentümlichen Bartagame Ätna. Fremden Tieren gegenüber ist sie auch immer freundlich und zuvorkommend. Z.B. bekommen Hunde die den Laden im Sommer betreten und deren Herrchen sich langen Verkaufsgesprächen leidenschaftlich hingeben einen Napf Wasser und etwas Aufmerksamkeit. Auch wenn Frau G. hinterher den Boden wischen muss, damit weitere Kunden nicht in den hinterlassenen Wasserpfützen ausrutschen. 
Nur einmal hat ein Hund Pfützen hinterlassen, über die sich Frau G. geärgert hat. Er hat einen Kartenständer mit einem Baum verwechselt. Zum Glück hat das Frauchen schnell genug reagiert und beim Reinigen geholfen. 
Hunde jeder Größe und Form betreten täglich den Laden. Stammhunde laufen, ihre Leine hinter sich her ziehend, ihren Frauchen hinterher. Erschöpfte Hunde lassen sich mitten im Weg fallen und mutieren zu einer Art riesigem Bettvorleger, zur Belustigung anderer Kunden, die drüber hinweg steigen müssen. 
Und manchmal mögen die Hunde den netten Verkäuferinnen mehr als ihr Herrchen. Dana-Bleib ist so ein Fall. Dana-Bleib wird immer hinter ihrem Herrchen Herrn S. hergezogen. Nur im Laden befreit er sie von ihrer Leine und sie trottet für sich durch die Regale, wird dabei immer mit ihrem Namen angeschrien, reagiert aber nicht. Stattdessen erschreckt sie durch ihre freimütige Runde Frau St., die manchmal etwas ängstlich in Gegenwart großer Hunde ist. Nur wenn Herr S. den Laden verlassen will, entspricht Dana-Bleib ihrem Namen. Denn Frau M. spricht mit ihr in sanften Stimmen und sie lauscht ganz ergeben. Eine Ecke später merkt Herr S., dass Dana-Bleib nicht da war und lief zurück um sie "Dana-Komm" zu rufen. Und er musste sich bemühen. 

Auch andere Tiere können Frau G. belustigen. Vor allem ihr Unwesen treibende Spinnen. Frau G. beobachtete eine Weile Frau S. wie sie hinter einem Regal auf dem Boden nach einem Kabel grub, sich dort beschäftigte und wuselte. Danach begutachtete sie die monströse Spinne die keine 10cm weiter auf einer Herzgirlande saß. Ein psychologisches Experiment begann sich in ihren Gedanken zu bilden und sie rief nach Frau S. 
"Schau mal, hast du das gesehen?" Fragte sie Frau S., die sich wieder in Spinnennähe befand. 
Frau S. guckte, stutzte und schrie wie am Spieß. 
Frau G. rieb sich die Hände und freute sich über das Ergebnis. 

Aber Spinnen können sich rächen. Als Frau G. eines Tages nichts ahnend auf der Toilette saß begann eine Spinne ihr Tänzchen auf der Klorolle aufzuführen. Frau G. befand sich in einer Patt-Situation. Und Frau S. die gerade den Keller betrat wunderte sich über das anhaltende Gekicher aus dem Bad. 

Den turbulentesten Tierbesuch hatte Frau G. mit einer Taube, die sich im Schaufenster verirrte. Natürlich in dem mit den hochwertigen Schreibgeräten, wackeligen Konstrukten und aufwendigen Stapeln. Natürlich musste sie hinter der Taube her krabbeln und sie wieder einfangen. Aber es gibt schlimmeres, dachte sie sich. 

Die sommerlichen Insektenbesuche sammeln sich alljährlich auf den Deckenstrahlern. Jeden Herbst beginnen Frau M., Frau S. und Frau G. mit der Arbeit alle Glasplatten abzuschrauben und das dargebotene Sortiment an knusprigen Mücken, Fliegen und Wespen zu entsorgen. Wehe dem, der bei einem Unfall mit den Tierchen beregnet wird. 

Tiere, egal welcher Art auch immer, bringen Aktion ins tägliche Geschäft. Manch einer freut sich, manch einer nicht. 

Donnerstag, 23. April 2009

5. Kinder und ähnliche Unfälle

Eigentlich mag Frau G. Kinder. Wenn sie niedlich sind und sie vom Kinderwagen aus angrinsen. Sich darüber freuen, wenn sie komische Verrenkungen abseits aller Kunden zur Belustigung des Kindes macht. Kinder können sich niedlich freuen. 

Was sie auch noch niedlich fand, war die gemurmelt-genuschelte "Enschuldigunn" von einem kleinen Jungen, der ohne dass seine Mutter es bemerkte, mit einem kleinen Stempel ein Regal bearbeitete. 
Auch ein kleines Mädchen, dass sich den ersten Füller aussuchen sollte war noch niedlich. Ca 7 Jahre alt, unentschlossen bis ins kleinste Detail fragte sie nach 5 Minuten angestrengtem hin und her Überlegens, ob lieber der blaue oder pinkfarbene Füllhalter, "...vielleicht lieber pink, aber blau ist auch schön..." unschuldiges in Frau G.'s Augen guckend: "Nervt das?" 
Wobei das auch eher komisch war. 
Ebenfalls zum totlachen fand Frau G. die Töchter einer Kundin, für die der gesamte Laden ein riesiger Fantasy-Park war. 
"Hier wohne ich" Kind steht hinterm Kalender-Ständer. 
"Ich bin jetzt eine Hexe" und Kind 2 " Ich auch!" 
"hex,hex"-rufend liefen sie dann durch den Laden. Bis sie sich am Geländer zum Kellerbüro der Chefin versteckten und sie beobachteten. 
"Das ist eine Hexe!"
"Eine böööse Hexe!"
"Die darf uns nicht sehen!" gemeinsames Wegrennen. 

Dann gibt es die Kinder, über die sie sich aufregt. 
Entweder weil Frau G. beobachtet, wie ein kleiner Junge sich -Frau G.beobachtend- einen Flummi im Ärmel verschwinden lässt, oder weil sie unter die Kategorie "Piranha-Kinder" fallen.
Piranha-Kinder sind Kinder, die laut und wirr sind, alles anfassen und immer reden. Sie treten meist in Gruppen von mindestens 2 Kindern auf, stacheln sich gegenseitig auf und hinterlassen Chaos, Kopfschmerzen und Dreck. Welcher sich meist in Handabdrücken auf Glasscheiben, Kekskrümeln auf dem Boden oder Kaugummiflecken äußert. Das sind die Kinder, die Frau G. hinter her verflucht und am liebsten mit ihren Hinterlassenschaften bewerfen würde. 

Und es gibt Kinder, die Frau G. echt seltsam findet. Wie das Mädchen, dass an dem ersten lauwarmen Frühlingstag den von Strahlern und Sonneneinstrahlung unangenehm aufgeheizten Laden betrat, Sonnenbrille auf und Eis in der Hand: "puuh, mal einen Augenblick im Kühlen ausruhn..." sprach und wieder verschwand. Seltsam. 
Und Kinder, die Namen haben...die sonst keiner Hat. Aragorn ist Frau G.'s Lieblingskunde. Seine Mutter nutzt auch jede Möglichkeit ihren Sohn durch den Laden zu rufen. Wie viele Lennards und Justins sie bedient hat, weiß sie nicht mehr. Als eines Tages die Oma mit Benjamin-Friedrich und Alexander-Heinrich den Laden betrat, hatte sie Mitleid. Die Schreibversuche von Angel-Leon waren auch interessant, ebenfalls die von Summer, Sue Ann und Shirin. 

Aber was Frau G. am meisten hasst sind ADS-Kinder. Dagegen sind Piranha-Kinder lausige Goldfische. Während eines Kundengesprächs beherrschen diese Kinder die Geräuschkulisse des Ladens vollkommen. In 20 Minuten, die Frau G. braucht um der Mutter einen Füllhalter zu verkaufen, schreit das Kind ca 320 mal "Mamaaa!" 160 mal "Ich will das haben!" und 270 mal "Komm jetzt, ich will nach Haus!!" ADS-Kinder wissen nicht, dass man still sein muss, wenn sich Erwachsene unterhalten. Sie wissen nicht, dass Eltern beim 1. Mal hören, wenn sie gerufen werden, es aber manchmal einfach ignorieren. Und sie wissen nicht, dass es die Verkäuferinnen extrem auf die Palme bringt, alles anzufassen und umherzutragen. Und sie können nicht im geringsten Ahnen, dass Frau G. nachdem Mutter und ADS-Kind den Laden verlassen hat, in den Keller geht und verzweifelt den Schnaps im Kühlschrank sucht und sich alternativ die kochenden Nerven mit einer Tasse kaltem Tee abschreckt. 'zischhhhh'

Am Ende des Tages denkt sich Frau G.: Kinder sind die Engel auf Erden. Oder Piranhas im Schafspelz. 

Mittwoch, 15. April 2009

4. Besserwisser

4. Besserwisser

Es gibt eine Art von Kunden, die immer mal wieder aus den Abgründen der Gesellschaft auftauchen. Frau G. kennt sie genau. Ihr Auftreten, ihre Sprachweise, ihr Benehmen...
Der Besserwisser. 

Der Kunde, meist weiblich, 1,67m groß, blond bis dunkelblond und mittleren Alters, betritt den Laden, selbstbewusst und unübertroffen wichtig. 
Imaginäre Fliegen wegwedelnd stürmt sie in die hinterste Ecke des Ladens. 
"Bedient hier denn keiner?!!" 
Frau G. stürmt hinterher, die Kundin zwischen Briefmarkenzubehör und Ordnerrücken suchend. 
"Was kann ich für Sie tun?"
"Sie hatten mal Fotoalben. Im Set. Wo haben Sie die?"
Frau G. am grübeln... Set??
"Wir hatten nie Fotoalben im Set..."
"Doch! Die hatten Sie! Die hab ich doch bei Ihnen gekauft. Letztes Jahr. Die waren hier irgendwo."
Kundin sieht sich suchend die Briefpapiere an. 
Frau G. verwirrt. 
Kundin: "Das müssen Sie doch wissen. Die hatten Sie hier irgendwo!" Wage Geste durch den Laden. 
Nach diversem Hin und Her, mit Zwischenkommentaren anderer Kolleginnen einigte man sich darauf, dass es nie Fotoalben im Set gegeben hat. Zumindest Frau G. und ihre Kolleginnen. Die Kundin stürmte wutentbrannt aus dem Laden. 

Anderer Tag, ähnliche Situation. Kundin mit ähnlichem Personenprofil sucht nach einem Lamy Kugelschreiber im Wert von ca 4,- in silber. 
"Die hatten Sie mal vorne an der Kasse." 
Frau G. hatte nie Kulis von Lamy an der Kasse. 
Frau G. zeigt der Kundin Lamy Kugelschreiber. "Nein. Sie verstehen mich nicht! Der Kuli war silbern. SILBER!!" 
Frau G. zeigt der Kundin silberne Lamy Kugelschreiber, in höherer Preisklasse. 
"Nein. Hören Sie mir doch zu. Der war günstig. Und Sie hatten den vorne! Vorne!!" 
Frau G. genervt. Nachdem sie den Lamy Katalog geholt und über das aktuelle Angebot von definitiv allen Lamy Kugelschreibern durchgegangen ist und natürlich nicht dieser Kuli dabei war, ist sie sogar sehr genervt. 
Die Kundin auch. Dreht sich weg und ignoriert Frau G. Lässt sich lieber von Frau M. bedienen, da sie noch eine Mine braucht. 
Frau G. kocht und geht in den Keller um Tee zu trinken. 
Tee beruhigt. 

Etwas amüsantere Episoden beschreiben Besserwisser, die Dinge umtauschen wollen. Zu unerwartetem Unrecht. 
Kundin, ebenfalls mit passendem Profil kommt mit einer Plastiktüte des Mitbewerbers ins Geschäft. 
"Ich möcht gern was umtauschen!" erbost, da der Artikel vermutlich nicht sein Versprechen hielt. 
Packt ein Etui aus, und den Kassenbon. 
Frau G. wirft einen Blick auf beides. 
"Oh, das tut mir Leid. Ich kann Ihnen das aber leider nicht umtauschen..." 
Kundin baut sich auf, Blut strömt in die Obere Gesichtshälfte, der kräftige Oberkörper bläht sich...
"Sie haben das nicht bei uns gekauft.."
"Waaaaa?? Natürlich habe ich das bei Ihnen gekauft!" 
Stampfende Finger auf den Kassenbon. 
"Sie sind doch XY [fieser Mitbewerber]!!!"
Frau G.: "Nein.. wir sind YX [Ihr freundliches Stiftegeschäft in der Nachbarschaft]" 
Kundin kühlt ab, Blut fließt zurück in die Füße. 
"oh... " Schamesröte. "Das tut mir jetzt aber leid... " 

Ja, besserwissende Kunden sind manchmal sehr anstrengend, können aber auch amüsante Gesprächsthemen zwischen Kolleginnen sein. 

3. Rentner

3. 
Rentner

Frau G. mag Rentner. Manchmal. Manchmal nicht. Rentner gehören zu der Sorte Kunden, die morgens kommen und ihr den Tag verderben. Rentner mit Krückstöcken klopfen gerne vor Ladenöffnung an die Scheibe und "bitten" um Einlass. Haben es eilig. 
Diese Rentner gehören zur Sorte: Rentner ohne Zeit. 
Diese Kunden kommen immer gleich morgens, haben es eilig (Arzttermin), wollen eine Kugelschreibermine kaufen und erzählen, dass sie, seit dem sie Rentner sind, niiiemals Zeit haben. 

Rentner mit Zeit mag Frau G. dann doch etwas lieber. Diese lassen sich viel Zeit, sehen sich alles ganz genau an (entdecken dabei viele Dinge, die sie unbedingt brauchen) und erzählen. 
Hierbei gibt es wiederum 2 Arten. 1: Rentner, die interessante Dinge erzählen, lustige Sachen aus ihrem Leben und was sie mit den gekauften Geschenken machen möchten. Wo sie überall hin gereist sind, wo sie gelebt haben...etc. 
Und 2: Rentner, die krank sind. Ach, die Hüfte. Und der Rücken. Und ehe man sich versieht, wird man Experte für Rheuma und Gicht Erkrankungen, zumindest, was die Symptome betrifft. 
Leider ist Frau G. auch ein guter Zuhörer, was die Kunden sofort mitkriegen. Und so weiß sie z.B. auch über die Töchter und Enkel von Frau Herta Hirsekuchen Bescheid, die jetzt umziehen, sie selber am Wochenende mithelfen muss, die Enkelkinder beim Opa bleiben, da sie unter ADS leiden und sooo anstrengend sind. Woran aber die Kinder schuld sind, bzw, der Vater, der die Mutter verlassen hat, kurz nach der Geburt und die Mutter so gestresst war.... blah. 

Rentner, die Frau G. mag, sind Rentner, die noch die gute Erziehung von Damals genossen haben. Die sich bedanken, ebenfalls ein schönes Wochenende wünschen, freundlich sind und sich freuen, wenn man ihnen die Tür aufhält. 

Rentner, die Frau G. unheimlich findet, sind Rentner, die keuchen, deren Schweiß auf den Tresen tropft, die mit dem Gebiss klappern oder schwärende Wunden im Gesicht haben. Ekelig fand Frau G. die Rentnerin mit den Blähungen, die schwerhörig war und dachte, sie würde leise furzen. 
Und ganz gruselig fand Frau G. die Rentnerin, die sich mit letzter Kraft von der Tür zum Tresen kämpfte und dann stolz erzählte "So. Dies ist mein letzter Weg!" 

2. Miezverträge

2. 
Miez-Verträge und ähnliche Sprachschwierigkeiten

Man muss ja mit allem rechnen können. Vor allem muss man alles wissen, alles verstehen und darf niemals auch nur grinsen. Natürlich gibt es verschiedene Dialekte und auch ab und zu Verständigungsprobleme mit ausländischen Touristen. Davon wird jetzt mal abgesehen. 

"Haben Sie Miez-Verträge"? fragt eine Kundin, die verblüffte Frau G. 
'Miezen? ... miez, miez, miez...' doch dann schaltet Frau G. und zeigt der Kundin sofort die unterschiedlichen Varianten von Wohnungs-Miet-Verträgen. Niemals zögern, sofort schalten! 

Ähnliches Problem: "Haben Sie Adzvendzkerzen?" Oder im allerschlimmsten Fall wurde nach "Adzvendzkranzkerzen" gefragt. ...puh, manchmal ist es schwer. 

Gern verlangt man auch nach dem englischen Lämmy-Füller, auch nachdem Frau G. beharrlich deutsch spricht und sogar am Ende des Gesprächs auf die gute Deusche Qualität von in Deutschland hergestellten Produkten spricht. Egal. Lämmy rules! 

Viele Kunden, gerne so ab 50 verschlucken Teile von Sätzen. 
"Ich hätt ne Miene." erzählte die Kundin. Frau G. denkt sich 'ich hätt hier ne ganze Schublade...'
"Briefumschläge!" verlangt ein älterer Herr. Freundlich wie sie allerdings ist, fragt Frau G. nach: "welche hätten Sie denn gern?" worauf der Kunde antwortet:"Die normalen." 
Da bei diesem Beispiel die normalen Briefumschläge von Berta Bauerochse im kurzen Format und Friedrich Freudenberger im langen Format sind, war das Problem immernoch nicht geklärt. 
Nuja, man fragt halt weiter. 

Dann widerum gibt es die Sorte Kunde, die den Laden betritt, ein "Guten Tag" ignoriert, mit trüber Miene zum Tresen kommt, lange in Taschen kramt (Hosentasche, Hemdtasche, Jackentasche...) dann eine leere Rolle Tesafilm auf den Tisch knallt und einen erwartungsvoll ansieht. 
"....Sie möchten Tesafilm?" 
"Ja."
...
"Eine Rolle?" 
"Nein, eine Packung."
"Ich habe keine Packung, ich hab die nur einzeln." 
"Wie viele sind in einer Packung? Ich hätt gern so viele!"
'kein Plan' denkt sich Frau G. und holt ne Hand voll. Kunde zufrieden, Frau G. frustriert über Wortkargigkeit, denn Kunde dreht sich nach dem Bezahlen wortlos um und geht. 
...das Leben ist nicht einfach. 

Mittwoch, 28. Mai 2008

Suizide

Selbstmord

Ich sitze einsam auf dem Boden meiner leeren Wohnung. Neben mir eine Flasche Bier. Ich trinke einen Schluck und bemerke, dass sie schon wieder leer ist. Schiebe sie über den Boden, bis sie umfällt und zur Seite rollt und sich zu den anderen gesellt. Ich greife zur Tischkante und nehme mir eine neue Flasche, die ich mit einem Schlag auf die harte Holzkante öffne. Der Kronkorken fällt unbeachtet auf den Boden. Zwischen unzähligen Taschentüchern bleibt er liegen.
Ich frage mich, warum er das tut. Wie oft ich mir diese Frage gestellt hab, weiß ich nicht mehr. Denn niemals werde ich eine Antwort finden. Niemals.
Ein weiterer Schluck aus der kalten Flasche, dann zünde ich mir meine letzte Zigarette an. Ich wollte sowieso aufhören zu rauchen. Viel zu teuer.
Er ist auch nicht da. Keine Ahnung, wann und ob er überhaupt wiederkommt. Mein Handy liegt zerbrochen in der Ecke, also kann er auch nicht anrufen.
Wieder ziehen die Bilder des Abends vor meinen Augen entlang. Dunkelheit, tanzende Gestalten im Lichterwirbel. Eine Hand und ein nackter Arm, geküsst von seinen Lippen. Umschlungene Körper, Bewegungen im Takt der Musik. Unverzeihliche Gesten. Das Gesicht meiner Freundin, das Warnungen ausspricht. Vorbeistürmender Geliebter mit umgarnter Schönheit an der Hand, hinaus in die Nacht.
Ich drücke die Kippe auf dem kalten Boden aus und wische sie zur Seite. Um mich herum liegen Scherben der Erinnerung. Scherben meines Lebens, in dem ich mich sicher und wohl gefühlt habe. Bis sich die Gerüchte in Gewissheiten gewandelt haben. Dinge, die ich gehört hatte, selbst von ihm bestätigt wurden. Zu lange taub und blind gewesen.
Niemals ist man sicher, niemals werde ich wieder vertrauen, niemals wieder in die Zuflucht einer gedachten Harmonie flüchten.
Ich greife nach dem Messer, das neben mir liegt. Öffne mit dem Griff eine weitere Flasche und leere sie zur Hälfte. Von plötzlicher Wut auf das Leben ergriffen, werfe ich sie durch das Zimmer, bis sie, eine Spur der Zerstörung auslösend, splitternd zerbricht.
Die Klinge des Teppichmessers rattert aus der schützenden Hülle und glänzt im Schein des Mondes, der durch das Fenster scheint. Das einzige Licht in diesem Zimmer, so wie es scheint, das einzige in dieser Nacht.
Eine einsame Träne rinnt mir über die Wange, hängt an meinem Kinn und stürzt hinab in die Dunkelheit.
Langsam und sacht ziehe ich die scharfe Klinge über meinen Unterarm. Der Schmerz dringt nicht in mein Bewusstsein, ist es doch von viel größerem Schmerz erfüllt. Winzige Blutstropfen erblühen auf weißer Haut. Wachsen und vereinen sich zu Perlen, die herabrollen und auf den Boden treffen.
Als würde mein innerer Schmerz sich ihnen anpassen, herausquellen und hinabfallen und zerplatzen auf dem glatten Boden. So bin ich mir sicher, nie wieder Schmerzen ertragen zu müssen, die er mir angetan hat. Weder er noch andere Menschen werden jemals wieder dazu in der Lage sein. Von dieser Gewissheit erheitert, dringt mein Lächeln in die Nacht.
Die Klinge liegt auf meinem Arm. Ein Versprechen von Frieden, von Ruhe und Erlösung.
Wieder ziehe ich sie durch die Haut.
Wieder quillt Blut und Schmerz heraus.
Und wieder! Tropfen vereinen sich zu Rinnsalen.
Und wieder!!
Und WIEDER!!
UND WIEDER!!! Euphorie durchströmt meinen Körper
WIEDER! UND WIEDER!!!
….
…..
…….
Vorbei.
Ich spüre nichts. Es ist geschehen. Ein Messer, der Hand entglitten liegt in einem See aus Blut. Blut das längst erkaltet und starr im Mondschein liegt.
Ein letzter Blick dem Körper, der einst mit gehört hat.
Dann wende ich mich ab.