Dienstag, 15. Oktober 2013

Das Leben in vollen Zügen genießen


Diesesmal sind wir nicht im Stifteladen unterwegs. Nein, wir sind auf großer Reise, einmal hin und zurück in die Landeshauptstadt. Ok, eine große Reise wärs jetzt nicht gewesen, wenn Frau Comorph mit dem Auto gefahren wäre. Aber sie entschied sich, nunmal mit dem Zug zu fahren.

Sonntag, 14:06 der Zug fährt pünktlich ein. Oh, schaut her, ihr Leute, denn es kommt heutzutage einem Wunder gleich, wenn ein Zug mal pünktlich kommt. Aber wir wollen jetzt die Bahn nicht zu sehr loben, bevor wir nicht einen genaueren Blick auf die Szenerie geworfen haben: Bahnsteig 4 – etwa 80 Leute stehen mit und ohne Koffer herum und wollen einsteigen. Der Zug der gerade einfährt hat 4 Waggons, die jeweils zu 85% besetzt sind, denn er kommt ja schon wer weiß woher. Also drängeln sich die 80 kofferziehenden Leute noch mit hinein. Wenn man mitrechnet: ca 20 Leute pro Abteil, in dem jeweils etwa 7 Sitzplätze frei sind, also stapeln sich die restlichen 13 Personen sonstwohin. Ja, es gibt ja noch die Bereiche mit den Notsitzen zwischen den Abteilen , dachte sich Frau Comorph, in der Schlange der Schiebenden. Aber die sind auch belegt, denn manch einer mag sich nicht direkt neben eine fremde Person setzen, oder hat mehre Koffer oder einen Kinder wagen oder Fahrrad dabei. Sie quetschte sich also mit in ein Abteil, das mehr oder weniger überfüllt war und stand. Hier sollte man auch noch die Automatiktüren erwähnen: Man drückt einen Knopf und die Tür geht auf. Clever gedacht. Nur geht die Tür auch irgendwann automatisch wieder zu, egal, ob man durch ist oder nicht, weil vor und hinter einem noch Personen stehen! Was wiederum dazu führt, dass man entweder nach hinten fallen, oder sich nach vorne werfen muss. Gebremst von der Gummidichtung der Tür, die nur schlecht über Rucksack und Winterjacke gleitet. Muss ja die Zugluft abhalten, nicht dass jemand im Zug sitzt und sich erkältet.
Also: Knopf drücken, quetschdrängel, türgequetsch, ziehwürg und plopp drinne.
Weiter gings allerdings nicht mehr, denn Frau Comorph steckte diesmal zwischen den netten Weibern einer Kegelclubfahrt fest. Von vorne kam eine hilfsbereite Zugbegleiterin, die auf noch vorhandene Plätze hinwies.
„Hier kann noch einer hin!“ „Wennse den Koffer wegnehmen, kann da auch noch einer hin!“
Weil scheinbar keiner wollte, oder sich traute, setzte sich Frau Comorph zu drei glatzköpfigen Männern, die an einem Vierertisch saßen und Bier tranken. Los ging die Fahrt.

Frau Comorph zog einen Roman aus ihrem Rucksack und begann zu lesen. Etwas eingeengt zwischen dem dicken Mann mit der Glatze rechts und der älteren Frau auf dem Koffer links. Und natürlich wurde es ab und an noch kuscheliger, wenn jemand sich hindurchzwängte um aufs Klo zu gehen. Weiter hinten im Zug wurde schrill gegackert. Woraufhin die Glatzköppe ebenfalls gackerten, denn sie meinten: je oller, je doller.
Gegenüber von Frau Comorph saß neben dem dortigen dicken Mann mit Glatze eine Ute. Und die Ute wollte ein Alster. Das erzählte sie mehrmals der Petra, links neben Frau Comorph auf dem Koffer saß. Petra wiederum rief in den hinteren Zugbereich, dass die Ute ein Alster will und prompt bekam die Ute auch ihr Alster. Netterweise wurde es ihr von einem Glatzkopp geöffnet. Petra hatte Lust auf Rotwein, denn sie hatte ja noch einen Rotwein in der Tasche, kramte allerdings ein Schnapsglas hervor. Diese Geste wurde von Gisela schräg links sofort erkannt, die ihr Schnapsglas ebenfalls hervorzog und den dazu passenden Flachmann. „Stößchen!“ Prostete man sich mit Birnenschnaps zu. 3 Glatzköppe lachten sich kringelig. „Stößchen!“
Auch Frau Comorph konnte sich nicht mehr auf den Text im Roman konzentrieren und lachte mit. War die Situation doch sehr absurd.
Ein paar Minuten später, nachdem sich die Männer über Saufgelage, Bärbel und provozierende Sprüche während des Essens beim Thailänder unterhalten hatten, beschlossen zwei von ihnen, doch schon früher auszusteigen. Yey, Platz. Frau Comorph rutschte durch und saß nun mit dem Dicken, der Ute und der Petra am Tisch. Ute und Petra bekamen eine Tasche mit lustigem Klimpern von hinten durchgereicht und freuten sich gar sehr! Der Glatzkopp schlug die Hände überm Kopp zusammen und nuschelte „neeneenee...“
Ute verteilte kleine Schnäpse aus der Tasche, natürlich auch an den Dicken. Frau Comorph lehnte dankend ab. Die Klimpertasche wurde weiter nach vorne gereicht, über die Köpfe der Mitreisenden, mit den Worten: „Wer will, soll sich was nehmen, das muss alle werden!“ Lustiges Gackern klang aus diversen Ecken. „Pröstchen!“ Brüllte man sich zu.
Dann war Petra zu warm und Ute nickte, Hitzewallungen. Auch der Dicke stimmte zu, worauf Petra feststellte, dass er sich ja gut mit Frauen auskenne. „Nur mit alten..“ erwiderte er, was er im Nachhinein bereute, aber was auch ein gröhlendes Gackern auslöste, das durch das Abteil zog, die Erklärung im Schlepptau. Frau Comorph legte ihr Buch beiseite und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Ihr war jetzt auch warm.
Plötzlich war die Zugfahrt zu ende. Kam Frau Comorph gar nicht so lange vor wie sonst. Auf dem Bahnsteig, fast fortgeschwemmt von den ausströmenden Menschen, stand ihre Freundin um sie abzuholen.

Ja, so kann eine Zugfahrt sein, aber wie jeder weiß, auch anders.
Am ende der lustigen Tage stand die Heimreise wieder an. Der Zug fuhr um 18:55 auf Gleis 7. Ganz gemütlich erreichte man den Bahnhof um 18:15 und gönnte sich einen frisch gepressten Saft vom Saftstand. Ja, solche tollen Sachen gibt es in Hauptstädten! Das Ticket wurde gekauft, der Automat wollte die EC-Karte nicht, aber man hatte ja noch Bargeld. Ein Blick auf die Anzeigetafel zeigte an: der Zug hatte 30min Verspätung. Na toll. Also war mit einer Abfahrt um etwa 19:25 zu rechnen. Man ging also einen Tee trinken. Da man den Zügen jedoch nicht traute, ging man schon im 19:10 zum Bahnsteig 7. Aber der Zug wurde jetzt nicht mehr angezeigt. Wie seltsam. Frau Comorph fragte also an der Info, wo der Zug mit den 30min Verspätung geblieben ist.
„Ja, der ist schon weg. Der hatte doch nicht 30min Verspätung, das ist nur eine Richtlinie, nach der man sich nicht richten sollte.“ So war die Erklärung, des netten Infomannes.
So. Man verbrachte etwa 5 Minuten mit Gezeter und Geschimpfe, wobei diese 5 Minuten nur als eine Richtlinie der Bahn anzusehen sind. Der nächste Zug fuhr ja schon bald, um 19: 48. Vorsorglich verbrachte man die restlichen Minuten am Bahnsteig.
Und siehe da: der Zug war pünktlich. Was bei seinem Alter jedoch nahezu ein Wunder war. Aber so ist es immer: hin geht’s mit dem super modernen Zug und zurück nur mit dem Klapperding. Man verabschiedete sich herzlich und Frau Comorph stieg ein, bleib sogar nicht an Türen hängen, da man diese selber wieder zu schließen hatte. Auf der Hälfte der Fahrt hielt der Zug nach einem Halt an einem Bahnhof aus undefinierbaren Gründen kurz an, rollte aus, stockte und rappelte weiter. Woraufhin er bei der Ankunft im Heimatbahnhof etwa 5min Verspätung hatte.

Man lernt also: Fährst du mit dem Zug, nimm dir Zeit. Viel Zeit. Denn du kannst weder sagen, wann du losfährst, noch wann du ankommst. Aber Zugfahren macht Lust auf Forschungsreisen. Warum kommt ein Zug zu spät? Was passiert dabei? Wonach riecht es da eigentlich? Und was ist die Zusammensetzung der Pfützen auf dem Boden?
Das klären wir vielleicht ein anderes Mal...