Mittwoch, 23. Januar 2013

Der kompetente Hosenverkäufer




Eines Montags, es war kalt und Winter, musste der Captain zum Friseur. Also verband man den Weg in die Kälte mit einem Ausflug in die örtlichen Mode Basare. In den meisten Geschäften bekam man nämlich genau das: Tünnef und Tand für teure Taler. Nur ohne spaßiges Handeln.
Aber das es auch anders geht (hier, kurz eingeworfen: Ja, man schreibt „anders“ tatsächlich ohne t am Ende. Auch wenn viele Leute im www gerne „anderst“ schreiben, weiß der Geier warum, ist es tatsächlich falsch. Nebenbei Erlerntes - immer wieder gern!)
.. jedenfalls, geht es auch anders.

Der Captain hatte einen neuen Plan. Es war die Idee, eine schwarze Hose zu kaufen, zu der man einen Wollmantel tragen konnte. Denn, siehe da: er hatte keine Alltagshose in schwarz. Und dieses wollte man hier ändern. Man betrat also ein modisches Kleidungsgeschäft für Herren.
Düstere Atmosphäre mit lauter Musik erklang und auf rostigen Fässern wurden T-Shirts präsentiert. Der Boden und die Wände waren schwarz und behangen mit werbezeigenden Flatscreens.
Man quetschte sich durch die ausladenden Kleiderständer und fand: ein schwarzes Hemd mit außergewöhnlich gutem Schnitt.
*wusch * wie der Dschinn aus der Flasche materialisierte sich plötzlich der nette Hosenverkäufer hinter dem Captain und pries seine Ware an.
„Hi! Welche Größe brauchst du denn?“ und er zog sofort das gewünschte Hemd aus dem Stapel. Anschließend beschrieb er Material, verdeckte Knöpfe und schlanken Schnitt.
„Probier es mal an, ob es passt!“ und er wies auf eine Umkleidekabine.
„Ich bräuchte noch eine Hose, schwarz, schlicht. Habt ihr da was?“ war des Captain's Frage.
„Jaa, natürlich.“
Wir huschten hinter dem hübschen jungen Mann her und er präsentierte: Eine Hose! Jawohl, genau so wie der Captain sie haben wollte. Nunja, fast.
„Diese Hose ist zwar nicht ganz schwarz, aber sie hat einen gewachsten Faden, weswegen sie sich nicht, bzw langsamer auswäscht, wie man das zum Beispiel bei normalen schwarzen Jeans hat, die nach einigen Wäschen doch eher grau aussehen, aber sie hat keine Bleichung und nur diese modischen Knittern am oberen Teil, weswegen sie trotzdem super aussieht und was brauchst du für eine Größe, bestimmt eine 32 und 32er Länge?“
Der Captain ein wenig verwirrt, stimmte dem zu und fragte noch nach einer richtig schwarzen Jeans.
„Ja, hier hab ich auch eine ganz schwarze Hose, allerdings ein lässigerer Worker-Schnitt, die ist dann natürlich nicht zum Hemd zu tragen, aber so vielleicht ganz toll zum Kapuzenpulli für die Freizeit eben, die hab ich aber *wühl * nicht mehr in deiner Länge da, nur in einer 30er Länge, aber probier sie trotzdem einmal an, vielleicht passt sie ja!“
Der Captain nahm sie an sich und man ging zu den Umkleidekabinen.
Frau Comorph hielt die Hosen und der Captain schlüpfte ins Hemd.
*wusch * Der Hosenverkäufer kam angelaufen.
„Und, haste schon an, passt es denn? Was hat er denn angezogen?“ fragte er Frau Comorph.
„ähm...das Hemd..“
Der Captain zog den Vorhang auf und präsentierte: Das Hemd! Sofort zuckelte der Hosenverkäufer an den Ärmeln, zupfte hier und da und sagte: „Ja, das passt doch perfekt, was meinst du?“
Der Captain stimmte zu, Frau Comorph auch und reichte dem Captain die nicht so ganz schwarze Jeans.
Der Captain zog sich um.
„Und, kommt ihr auch aus dieser idyllischen Kleinstadt?“
„... Ja.“
„Hat ja schon wieder geschneit, da braucht man morgens immer noch ne halbe Stunde länger um das Auto frei zu kratzen.“
„.. ja, das stimmt.“
Und dank dieses netten Smalltalks verging die Hosenumziehzeit wie im Fluge und der Captain führte uns seine Hose vor. Jedoch zu groß.
*wusch * der Hosenverkäufer rannte fort und erschien sofort wieder mit der passenden Hose auf dem Arm.
„Probier mal die, die ist eine Nummer kleiner, passt dann bestimmt besser!“
Gesagt getan, und sie passte tatsächlich besser. Doch der Captain, der weite Hosen gewöhnt war, war zweifelnd, ob denn die etwas engeren Beine, seinen Beinen trotzdem schmeicheln würden. Frau Comorph fand die Hose toll.
Hose Nr.2, die Worker-Look-Hose passte allerdings nicht, sie sah echt seltsam aus. Aber der Nette Hosenverkäufer wusste auch hier Rat:
„Ich hab da noch einen dunkelblaue Jeans, die ist fast schwarz, die sieht super aus, vielleicht probierst du die ja mal.“
Und er holte die Jeans schneller als ein Hund nach seinem Stöckchen jagte.
Diese Hose passte auch gut, gefiel der Frau Comorph allerdings nicht so gut, doch der Captain war von der Hose überzeugt. Die passt, die ist gut, die wird mitgenommen.
„Ich hab da sogar noch ein paar passende Stiefel zu, die sind gerade im Angebot. Echt Leder, schwarz, moderner Schnitt und die kannst du sogar über den Hosenbeinen tragen. Welche Größe hast du denn?“
Und er holte die Stiefel, jedoch waren sie in der Größe des Captains ausverkauft. Er probierte die größere Größe, man wollte ja nett sein, aber sie passten wirklich nicht.
Der Captain zog den Vorhang zu und zog sich wieder seine Klamotten an.
„Zu der blauen Jeans musst du unbedingt einen Gürtel tragen. Hast du einen passenden, sonst schau ich mal, wir haben hier auch einige die dazu passen würden...“
„Der Captain hat ganz viele Gürtel.“ sprach Frau Comorph.
Der Hosenverkäufer lief weg.
Der Hosenverkäufer kam wieder.
„Brauchst du Socken? Wir haben gerade ein Angebot. 1 Paar für 7 Euro und 5 Paar für 20 Euro! Oder Unterwäsche?“
Er lief weg und kam mit einer Boxershorts wieder.
„Eine für 15 Euro und 2 für 29 Euro. Die sind total toll! Sieht doch gut aus, oder?“ und er hielt die Shorts Frau Comorph unter die Nase.
Hier nun musste die Frau Comorph ein Ende sprechen, denn sie musste aufs Klo und hatte keine Lust mehr noch länger vor der Umkleidekabine zu verweilen.
„Lieber Hosenverkäufer, vielen Dank, wir haben kein Interesse an weiteren Artikeln. Aber es gibt ein Sternchen für versuchte Zusatzverkäufe!“
Der Hosenverkäufer stockte.
„Ah. Kommst du aus dem Handel?“
„Ja.“
„Ah. Wo bist du denn?“
„Stifteladen“
„Ah.“
Und dann erklärt er das Prinzip des Verkaufens im modischen Herrenladen, während man zu dritt zur Kasse ging und der Captain einen Schrecken bekam, hatte er doch so viel Geld ausgegeben. Ohne es zu merken. Ja, der Hosenverkäufer war ein guter Verkäufer.

Und erst zu Hause sprach der Captain dann den Satz aus, den ein wahrer Verkäufer gerne hört: Jetzt hab ich so viel gekauft und brauch eigentlich was ganz anderes!

Ja, in diesem Laden hat die gemeine Stiftverkäuferin einen Artgenossen gefunden. Doch mögen tut sie ihn nicht. Denn der Captain klagt noch immer über die Hosen, die er kaufte, ohne dass er sie brauchte. Und eigentlich etwas ganz anderes haben wollte... und das jeden Tag. Mehrmals.

Mittwoch, 16. Januar 2013

Zahnfleischtage



Wenn eine Stiftekollegin krank ist, ist das nicht so schlimm. Wenn dagegen eine weitere Kollegin im Urlaub ist, ist das schlimmer. Die Restlichen 3 Stiftverkäuferinnen arbeiten dann 6 Tage durch und freuen sich auf den Sonntag. Das ist Montags nicht so schlimm, Freitags jedoch schon wieder anders! Normalerweise endet ein Freitag Abend mit den Worten: Leckt mich am Arsch, wir sehen uns im nächsten Leben! Also Montag. 2 Tage Wochenende, yey!
Aber ein Freitag in diesem Fall ist anders. Man denkt: Waah. Noch 1x arbeiten. Und nur bis 4!

Samstag. Müde Gesichter stehen im hell erleuchteten Stifteladen, die Luft ist raus, der Spaß aufgebraucht. Was bleibt ist trockenes Verkaufen ohne Spaß und Scherz. Die Kunden jedoch, man weiß nicht woher, die wissen das! Und sie nutzen es aus.
Morgens kommen sie gar nicht. Frau Comorph und ihre Kollegen stehen im Halbschlaf in düsteren Ecken und wischen etwas Staub von den Regalen. Noch 6 Stunden.
Man hat sich nichts mehr zu erzählen. Man schweigt. Langsam rollen Staubfussel durch den Laden.
Die gemeine Stiftverkäuferin wischt das Bad und kocht Tee.
Noch 5 Stunden.
Frühstückspause. Hier wiederum wird das plötzliche Verschwinden einer Stiftverkäuferin von der Bildfläche sofort von den draußen lauernden Finsterkunden genutzt. Ein Schwadron, bestehend aus Schulranzenmutti, Kinderwagen mit schreiendem Säugling, 3 jähriger Nervensäge und 6 jährigem Schulranzenkunden stürmt den Laden, bewaffnet mit einem gut vorbereiteten Katalog an Spezialfragen. Eine Kollegin ausgeschaltet. Sie kontert Fragen wie: Was wiegt der Ranzen, ist der nicht zu schwer und warum hat der von Stiftung Warentest kein „Sehr Gut“ erhalten? Gekonnt mit passenden Antworten. Schweres Gefecht am Schulranzenregal.
Frau Comorph trifft auf Rentnerehepaar.
„Ich hab einen teuren Stift gekauft“ zeigt auf 30,- Kuli. „Die Mine schreibt nicht richtig!“ finstere Miene, da die Supermarke den Kunden beschissen hat!
„Bringen Sie den Stift und den Kassenbon mit, ich kann das dann reklamieren.“
„Jaaa. Aber Sie können mir doch die Mine gleich mit geben. Dann bring ich Ihnen das nächste mal die alte mit.“
Im Hintergrund schreit der Säugling.
„Nein, das geht leider nicht.“
„Sie WOLLEN bloß nicht!“
„Nein, (langsam platzt mir der Kragen) ich muss das belegen, ich kann Ihnen die nicht einfach so mitgeben.“
„Ja, warum denn nicht? Dann muss ich ja nochmal kommen!“
Im Hintergrund schreien Säugling und 3 Jähriger, weil er nicht das tolle silberne Auto bekommt.
„Ich kann das mit dem Kassensystem nicht einfach ausbuchen, dass ich Ihnen eine Mine schenke, das gibt Ärger mit der Buchhaltung, weil ein Artikel nicht ohne Gegenbeleg ausgetauscht werden kann..“
Kunde verlässt den Laden, sauer, ist auch nie wieder aufgetaucht.
Frau Comorph geht zur Pause und trinkt eine Tasse beruhigenden Tee.
Noch 4 Stunden.
Das Schulranzenschwadron schlendert aus dem Laden, nimmt dabei göttlicherweise den damit verbundenen Kinderkrach mit.
5Minuten Ruhe, die Stiftverkäuferinnen räumen auf.
Gerade als sich die Begebenheiten im Laden auf eine normales Maß eingependelt haben, trifft ein neues Schwadron ein. Diesmal sind es verschiedene Kunden, die sich im Vorfeld gesammelt haben um gemeinsam an den Nerven der Verkäuferinnen zu rütteln. Diverse Rentner, eine Gruppe albernder Jugendlicher, eine Frau mit pubertierender Tochter, die Konfirmationseinladungen und die damit verbundene lange Beratung benötigt, eine Stammkundin mit Hund und ein Kunde mit Pudel.
Während nun eine Kollegin die Einladungskarten verkauft und ein Auge auf die Jugendlichen hat, kümmert sich Frau Comorph um das Kassieren der Trauerkartenkaufenden Rentner, berät den Kunden mit dem Hund, der ein wütendes Gebell mit dem Pudel anfängt, dessen Herrchen bei der anderen Kollegin einen Kuli kauft, beschwichtigt weitere Rentner, die einen Moment an der Kasse warten müssen. Und wie auf ein geheimes Zeichen stürmen alle wieder aus dem Laden.
Noch 3 Stunden bis Feierabend. Die Mittagspausenzeit fängt an und nacheinander verschwinden die Stiftverkäuferinnen in den Keller um dort eine halbe Stunde lang abzuschalten.
Kurz vor Feierabend, man räumt das letzte mal den Laden auf, Frau Comorph sucht eine Feierabend Deko aus, eine andere Stiftekollegin wäscht das Geschirr ab und bringt den Müll raus. Alles ist ruhig und still. Zu ruhig. Der Wahnsinn kratzt bereits an den Hirnrinden der Verkäuferinnen. Jeden Moment kann noch ein unverhoffter Kunde den lange herbeigesehnten Feierabend versauen. Noch 15 Minuten. Die Stiftekolleginnen räumen die Kartenständer rein und kontrollieren ein letztes Mal den Laden.
Eine Kundin betritt den Laden und möchte noch schnell ein Schulheft kaufen. Das ist schnell erledigt. Die Feierabend Deko wird ausgebreitet. Noch 3 Minuten.
Eine Kundin und ihre Tochter betreten den Laden.
„Haben Sie noch auf?“ Eine seltsame Frage, wenn man schon im Laden steht. Dieser aber schon halb unbeleuchtet ist, die Ständer im Inneren stehen und auf dem Boden eine Schulranzendeko steht.
„Ja, was kann ich für Sie tun?“ fragt die gemeine Stiftverkäuferin.
„Wir möchten Konfirmationseinladungen basteln und brauchen da noch ein paar Aufkleber.“
Die nächsten Minuten verbringt Frau Comorph mit der Dame, die in ihrem Handy nach Bildern von Einladungskarten sucht und nicht verstehen will, dass es die Aufkleber aus dem Internetz nicht im Stifteladen gibt, auch nicht auf Bestellung und auch nicht in diversen Katalogen.
Nach gefühlten Stunden verlässt die Kundin dann den Stifteladen und Frau Comorph kann endlich Feierabend machen. Den hat sie auch verdient, denn das leichte Hirnrindenkratzen ist in den letzten Minuten zu einer Freddy Krueger Kralle geworden, die ihr die Geduld zerfleischt.
„Ich frag mich, wie du dabei so ruhig bleiben kannst.“ sagte später die Kollegin zu Frau Comorph.
„Das frag ich mich manchmal auch.“ antwortete sie, in Gedanken bei ihren Kundenförmigen Voodoopuppen zu Hause.
Gerade an Zahnfleischtagen muss man die Geduld eines Katzendompteurs haben, die Ruhe eines Bierdeckelturmbastlers und die Ausgeglichenheit eines Shaolinmönches. Denn nur so hat auch der letzte Kunde das Gefühl ordentlich beraten worden zu sein.
Aber, liebe potentielle Stiftekunden: wehe euch, beträtet ihr demnächst den Stifteladen kurz vor Feierabend und stellt wahnwitzige, wunderliche wieso-weshalb-warum-Fragen, dann sieht euch vor! Denn die Stiftverkäuferin kann auch wie die wildgewordene Katze, den Dompteur zerfleischen, Bierdeckel wie Ninjasterne werfen und austreten wie Shaolinmönche, denen man mit dummen Fragen die Meditationsruhe stört. Und notfalls... es gibt immer einen großen Vorrat an angespitzten Bleistiften!