Montag, 20. Februar 2012

Aus dem Leben der gemeinen Stiftverkäuferin - Hatschi!

Aus dem Leben der gemeinen Stiftverkäuferin
Hatschi!

Jahrzehnte ist es her, dass meine Mutter mir beibrachte: Kind, wenn du niesen musst, halt dir die Hand vor den Mund. Ebenso beim Husten. Warum? Selbst das wurde mir erzählt: wenn du Niest, fliegen hunderte von fiesen Krankheitsbazillen durch die Luft und stecken alle Leute an. Und es ist unhygienisch.

Heutzutage interessiert das scheinbar niemanden. Im Stifteladen wird während der Wintermonate gehustet, geniest und geröchelt was das Zeug hält. Vermutlich eine neue Art der Erziehung oder eine ignorante Art gegenüber Mitmenschen, oder ein fehlen der eigenen Erziehung ist unser heutiges Thema hier.
Fall 1: Frau G. die gemeine Stiftverkäuferin hat munter dekoriert, kleine niedliche und glänzende Autos mit Schraubenziehern, Mororräder mit Uhr, LKWs mit Notizzetteln und diverse Schlüsselanhänger hergerichtet damit des den potentiellen Kunden zum Kauf anregt. Alles blitzt und blinkt und läd zum Anschauen ein. Auch zum Anfassen, darum hält die gemeine Stiftverkäuferin jedes Mal ein Auge auf kleine Kinder, die nur „Auto“ sehen und nicht „teures Auto mit Schraubenzieher für Erwachsene“. So stand sie auch neben dem kleinen Paul, als er mit den Autos spielen wollte. Seine Mutter stand im hinteren Teil des Ladens und lies sich beraten, hatte also in dem Moment kein Auge für ihren Sohn. Paul, gerade 2 geworden, hatte klebrige Hände, eine laufende Nase und kein Interesse für die ermahnenden Worte der gemeinen Stiftverkäuferin.
„Das ist nicht zum Spielen“ , „Nein, lass das mal lieber...“ und dann: „HATSCHII!“ Und „HATTTSCHHHI!!“
Dinge flogen auf die neue glänzende Ware und benässten alles. Freudige Bazillen stiegen in LKWs ein und fuhren auf Motorraduhren um die Wette. „Üäääh!“ dachte sich Frau G. Warf der Mutter einen bösen Blick zu, denn diese hatte es doch tatsächlich am Rande mitbekommen und rief ihren Paul zum Naseputzen. Und was ist mit den Schlüsselanhängern? Rotztriefenden Briefklammernspendern? Die musste Frau G. reinigen.
Und schwor sich, ihre Kinder zu erziehen!

Einen anderen Tag stellte die gemeine Stiftverkäuferin fest, dass nicht nur 2jährige Kinder das Frei-Niesen beherrschen. Selbst 5jährige konnten Erziehungslos zu Warenbefeuchtern mutieren. Denn der kleine Jason bewunderte einige Porzellan Artikel, als ihn der Niesreiz überkam. Bäm! Warum drehen sich Kinder dann nicht weg? Warum wird geniest wo man steht und guckt? Und warum hat auch seine Mutter nicht ein Wort gesagt?

Doch am Schlimmsten war der kleine Jannes. Jannes bekam einen Ranzen, denn er wurde bald eingeschult. Frau G. hockte sich vor ihn um den Ranzen einzustellen, Träger zu richten und Sitz zu überprüfen, als sie von einer weiteren Kundin angesprochen wurde und die Katastropfe nicht nahen sah. Ja, Katastropfe!
Denn ehe sie sich versah, nieste der kleine Jannes ihr ins Gesicht. Des Jannes Mutter saß daneben, doch auch hier wartete man vergebens auf eine erzieherische Reaktion. Die gemeine Stiftverkäuferin wiederum war so verdattert und verekelt dass sie kein Wort des Scheltens herausbekam und sich nur angewidert den Schleim von der Backe wischte.
In der darauf folgenden Nacht, während Frau G. ruhte, begannen des Jannes Mikroben munter in ihr zu toben. Daraus entstand eine Erkältung wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte. 3 Tage Halsweh, 5 Tage Schnupfen und 3 Tage Husten! Und Gedanken der Rache die hier aus jugendschutzgründen nicht genannt werden. Und unbeantwortete Fragen der Respektlosigkeit gegenüber fremden Menschen. Und mögliche, bessere Gegenreaktionen, wie Zurückspucken, Ohrfeigen, Elternbezetern... doch im Grunde tat sie nichts. Denn es ist nicht ihr Kampf der hier gefochten wird. Es ist der Kampf der allgemeinen Vernachlässigung der Erziehung der Kinder. Und Gedanken des Weltunterganges kreisen durch den Geist, hervorgerufen durch die Idee einer Armee von pöbelnder Idioten, verschnupft, sich gegenseitig ansteckend, autoritätslos in der Zukunft der Menschheit herum vegetierend. Was soll nur aus uns werden...?

Montag, 13. Februar 2012

Aus dem Leben der gemeinen Stiftverkäuferin - Der Zirkel des Lebens

Es war ein normaler, etwas ruhiger Tag im Leben der gemeinen Stiftverkäuferin, als gen Nachmittag eine Familie den Laden betrat.
„Schönen guten Tag. Kann ich Ihnen helfen, oder schauen sie erst einmal...?“ war die Frage, die sie sich hätte lieber verkneifen sollen.
Ja, war die Antwort, wir brauchen einen Zirkel.
Der Junge im Alter von ca 10 Jahren bekam von der Lehrerin die Mitteilung einen Zirkel zum Unterricht mitzubringen.
Diese Aufgabe zu erfüllen würde den normalen Menschen etwa 10Min seines Lebens kosten. Rein in den Markt, hin zum Regal, Farbe aussuchen, Preis ok? Dann ab zur Kasse.
Nicht so in der Familie X bei der daraus ein kleiner Nachmittagsausflug wurde.
Stiftverkäuferin: „Hier haben wir die Zirkel. Entweder die von FC oder von Ro.“ Hinweisender Fingerzeig auf Modell und Farbe.
Mutter: „Welche sind denn besser?“
Stiftverkäuferin: „Im Prinzip sind beide gleich gut, die einen sind bunt gemustert, die anderen nicht, lassen sich aber im Schenkel abknicken.“
Der Sohn fand den blauen von Ro am besten und nahm ihn aus dem Regal.
Mutter: „Was kosten die denn?“  Preise wurden genannt.
„Ah ja. Und worin unterscheiden sie sich?“ Stiftverkäuferin weist erneut auf abknickende Schenkel und Muster hin.
„Ben (Name geändert), schau mal, welcher gefällt dir denn?“
Ben zeigt blauen Zirkel von Ro.
„Können wir den mal aus der Packung nehmen? Dass wir mal schaun können, der muss ja auch gut in der Hand liegen und leicht zu bedienen sein.“ Stiftverkäuferin nimmt Zirkel aus der Packung.
„Jetzt nimm den mal in die Hand. Lässt der sich leicht bewegen?“
Stiftverkäuferin verneint: „Der muss sich nicht leicht bewegen können, sonst verändert der beim Kreiseziehen den Durchmesser...“
Ben bedient den Zirkel. Großer Durchmesser, kleiner Durchmesser.
Mutter: „Du darfst den aber nicht so auf machen, dafür ist das Rädchen zum Verstellen da.“
Stiftverkäuferin erklärt den Sinn von Schnellverstellbarkeit ohne Rädchengekurbel.
„Ben, jetzt guck mal wie der in der Hand liegt, oder ob du da abrutscht.“
Zirkel hat Schenkelseitengummierung mit Noppenbesatz.
„Jetzt guck mal ob du die Schenkel auch gut abknicken kannst. Oder ob das schwer geht.“
Ben dreht an den Schenkelschrauben, verstellt die Schenkel, knick ein, knick aus.
„Ben, oder willst du den anderen?“
Stiftverkäuferin kriegt Panik.
„Guck mal Ben, der andere hat ein Muster. Was meinen Sie denn, welcher ist denn gut?“
Da sich Ben schon seit 10Min für den blauen Ro Zirkel entschieden hat, zeigt die Stiftverkäuferin auf den blauen Ro Zirkel.
Mutter guckt Vater an. „Herbert, was meinst du denn dazu?“
Herbert guckt sich die Zirkel an. Nimmt den blauen von Ro, Schenkel knick ein, knick aus, großer Durchmesser, zusammendrücken.
„Ja, das muss doch Ben wissen. Ben, welchen möchtest du denn?“
Ben total gelangweilt.
Mutter nimmt gemusterten Zirkel von FC aus dem Regal.
„Schau mal Ben, der ist auch nicht schlecht.“
Ben: „Nein, ich will den blauen.“
Mutter: „Naja, wenn du das sagst. Was kostet der ? Na das ist ja auch ok.“
Und dann sagte sie den Satz, den man in diesem Moment nicht mehr fürchten könnte:
„Wir wollten dann aber auch noch mal nach einem neuen Ranzen gucken. Ben? Du brauchst ja noch einen neuen Ranzen für die 5. Klasse.“
Damit resignierte die gemeine Stiftverkäuferin und begann ein noch längeres, komplizierteres und aufwendigeres Gespräch über einen Schulrucksack.
Denn da gab es 3 unterschiedliche Modelle, von denen 2 mit Schulsachen gepackt werden mussten, die Eltern beide aufsetzten, sich entschieden dass der eine besser als der andere sei. Dabei aber viele Gurte herunterhingen (Verlängerung der Trageriemen) in denen sich das Kind ja verfangen kann. Welcher denn den besseren Rücken hat, welcher bunter ist, welcher billiger ist, aber länger hält... etc, etc, etc.
Und als die Familie nach einer weiteren Stunde, die man sich hätte sparen können wenn man auf den Geschmack des Knaben gehört hätte, endlich den Laden verließ, dachte die gemeine Stiftverkäuferin ernsthaft darüber nach, eine Flasche Schluck im Kühlschrank zu deponieren.