Freitag, 11. Mai 2012

Aus dem Leben der gemeinen Stiftverkäuferin - Wir warten aufs Gewitter


Es gibt ja solche Tage, da weiß man morgens schon, dass nichts gutes geschehen wird. Wenn der Akku der Zahnbürste leer ist, man unter der Dusche gegen die Mischbatterie stößt und mit eiskaltem Wasser erschreckt wird oder man mal wieder vor dem absolut leeren Kleiderschrank steht und absolut nichts zum Anziehen hat, absolut nichts! Obwohl der Schrank voll ist.
Einen solchen Start in den Tag hatte die gemeine Stiftverkäuferin Frau G. . Natürlich kam sie auch viel zu spät aus dem Haus, da besagte Dinge die Zeit verbrauchten. Aber man muss auch anmerken, dass das Wetter an allem schuld war. Denn wenn man aus dem Fenster guckt und Wolken, Wind und potentiellen Regen sieht, denkt man nicht daran, dass es draußen knappe 20°C sein können, selbst wenn das Thermometer dieses behauptet. Außerdem sagte die nette Radiotante, dass es Regen, Gewitter, Hagel, Sturm und Weltuntergang gäbe!
Eiligerweise stürmte die Stiftverkäuferin also aus der Wohnung, in den Keller, aufs Rad und zur Arbeit. Dort angekommen stellte sie fest, dass das Thermometer doch recht hatte und pellte sich erstmal aus diversen Kleidungsschichten.
Der Tag konnte also beginnen!
Voller Elan räumten die Kolleginnen die Kartenständer aus dem Laden und warteten auf den ersten Kunden. Und warteten. … und warteten...
Zumindest der Postbote kam und brachte Päckchen. Aber der Rest der Bevölkerung saß vermutlich in irgendeinem Bunker und wartete den Sturm ab.
Naja, dachte sich die gemeine Stiftverkäuferin, tun wir halt andere Dinge. Und begann etwas herumzukramen, Listen zu fertigen, Dinge zu bestellen. Und schwupp war der Laden voll. Man muss den Kunden nur ignorieren, dann kommt er! Denn wenn er weiß, man hat keine Zeit für ihn, will er bedient werden.
Die Kunden des Prä-Gewitter-Weltuntergangtages waren eigenartig, aber normal. Sie hinterfragten Dinge und waren nicht Kaufentschlossen. Aber es sollte noch schlimmer kommen. Nach der Mittagspause.

Ein Junger Mann betrat den Laden, schätzungsweise 17 Jahre alt, in der Blüte seiner Jungend und Schüler. Sah die Stiftverkäuferin an und fragte nach Plakatpapier.
Ich brauch Plakatpapier. (Stiftverkäuferin im Geiste scheltend: das heißt PlakatKARTON!)
Egal. Grün!
Ist das A3?
< Das ist 50x70 cm (Bengel, du malst doch in Kunst auf nem A3 Block,oder??)
Ist das A3??
< Nein. Das ist etwa das doppelte.
Ich brauch A3!
< Dann müssen Sie sich das durchschneiden (herrgottimhimmelkanndassoschwersein)
Kassiert und verabschiedet. Leichtes Kribbeln im Nacken.

Kunde betritt den Laden. Männlich, Mitte 40.
Ich brauche Etiketten für den Briefkasten. Keine Werbung. Ham Sie das?
< Ja, die sind draußen, am Etikettenständer.
Wo?
< Draußen.
Kunde dreht sich verwirrt, und schaut Richtung Tür.
Wo denn?
< draußen, draußen! (und zeigt ihm den Weg aus dem Laden)
Leichtes Kribbeln im Nacken verstärkt sich.
Etwas später: Eine Kundin, blond, gelockt, hübsch, betritt den Laden und sagt:
ich brauche karten für ein konzert von andrea berg in braunschweig ich glaube in der stadthalle oder so haben sie da noch karten ich brauche zwei stück (mehr oder weniger in einem Wort)
< Frau G. guckt verwirrt und sortiert die Worte.
< Nein. Da müssen sie zum Kartenvorverkauf.
Ich dachte immer SIE wären das! (und guckt vorwurfsvoll, warum ich es denn nun nicht sei)
< wir haben auch Karten. Aber das sind andere. (und schwenkt den Arm in einer Geste, die zum Umschauen animieren soll)
Kundin verlässt den Laden.
Nackenkribbeln!
Aber wir können das noch besser! Dachte sich der nächste Kunde.
Das Wetter draußen schlug langsam um auf noch mehr Wolken und noch mehr Sturm, Kastanienblüten betraten den Laden und Frau G. hatte Angst um die Kartenständer. Der Aufmerksame Leser erinnert sich.
Wie gesagt, der nächste Kunde. Männlich, um die 40, scheinbar normal.

Ich hätte gern einen Tintenroller. Schwarz. Der gut schreibt.
< Dieser schreibt gut. Ist aber ein Einwegstift. (Zeigt Stift in schwarz) Für 2,50.
Was heißt das?
< Der ist nicht nachfüllbar.
Haben Sie was nachfüllbares?
< Dieser von Lamy (zeigt neuen Stift) Der ist nachfüllbar.
Ah. (schreibt) Schreibt gut. Was kostet die Patrone?
< Das ist dann eine Mine, die kostet 2,50.
Was hat der andere gekostet?
< 2,50
Ah, genauso viel. Haben sie auch was mit günstigeren Patronen?
< (zeigt neuen Stift für Kinder der mit Patronen nachfüllbar ist)
< Dieser hier, wenn es Sie nicht stört, dass der für Kinder ist.
Nee, der ist eh für meinen Sohn. (Schreibt) Ja, der schreibt gut. Aber der schreibt blau...
< Da können Sie eine schwarze Patrone rein tun.
Können Sie das machen?
< (nimmt anderen Stift, tut schwarze Patrone rein.)
(schreibt jetzt in schwarz) Ja, der ist gut! Den nehm ich
< (Frau G. kassiert. Kunde zufrieden)
… und der ist jetzt auch radierbar, ja?
< (Frau G. stockt, überlegt) Radierbar ist der nicht. Das ist ein ganz anderer.
Ja, ich brauch den radierbaren.
< x.x Warum sagen Sie das denn dann nicht? (gemeine Stiftverkäuferin holt radierbaren Stift)
Ja, genau den. Den hat mein Sohn. Aber da ist die Mine so schnell leer
< Das ist da leider nunmal so, da ist nicht viel drin.
Ah. Kann ich das umtauschen?
< Den Stift schon, aber die Patronen jetzt nicht. Die ist ja schon angefangen.
(Kunde versteht das Problem und tauscht nur den Stift um)
Dann brauch ich dafür aber nur die Mine!
< Die ist gerade ausverkauft...
(Kunde geht)
Gemeine Stiftverkäuferin genervt.

Die letzten Kunden des Tages beschwerten sich glücklicherweise nur noch über das Wetter. Dass es ja so heiß sei. Und so schwül! Und dass es ja mal regnen müsse, denn der Garten ist ja so trocken. Und die Dahlienwurzeln bekommen ja auch in der Tiefe kein Wasser, weil die Erde ja soooo (handmaß) tief trocken ist! Bei dem Winter ja kein Wunder. Hoffentlich regnet es mal.
Die gemeine Stiftverkäuferin dachte sich nur, hoffentlich regnet es, wenn sie zu Hause ist. Denn mit dem Rad ist das kein Spaß. 

 Aber am Ende des Tages hatte sie noch Glück, kam trocken nach Hause und konnte später im Dunkel der Nacht das Gewitter beobachten, wie es herumzog. Hier und da blitzte und grummelte es. Ein Regenguss kühlte die Luft, während sie mit Herrn Kater am Fenster stand und sich wunderte, wie das Wetter doch die Menschen beeinflusst.
Gewitterwetter naht! Foto wurde zwar von der Stiftverkäuferin aufgenommen, allerdings nicht in ihrem Wohngebiet!