Selbstmord
Ich sitze einsam auf dem Boden meiner leeren Wohnung. Neben mir eine Flasche Bier. Ich trinke einen Schluck und bemerke, dass sie schon wieder leer ist. Schiebe sie über den Boden, bis sie umfällt und zur Seite rollt und sich zu den anderen gesellt. Ich greife zur Tischkante und nehme mir eine neue Flasche, die ich mit einem Schlag auf die harte Holzkante öffne. Der Kronkorken fällt unbeachtet auf den Boden. Zwischen unzähligen Taschentüchern bleibt er liegen.
Ich frage mich, warum er das tut. Wie oft ich mir diese Frage gestellt hab, weiß ich nicht mehr. Denn niemals werde ich eine Antwort finden. Niemals.
Ein weiterer Schluck aus der kalten Flasche, dann zünde ich mir meine letzte Zigarette an. Ich wollte sowieso aufhören zu rauchen. Viel zu teuer.
Er ist auch nicht da. Keine Ahnung, wann und ob er überhaupt wiederkommt. Mein Handy liegt zerbrochen in der Ecke, also kann er auch nicht anrufen.
Wieder ziehen die Bilder des Abends vor meinen Augen entlang. Dunkelheit, tanzende Gestalten im Lichterwirbel. Eine Hand und ein nackter Arm, geküsst von seinen Lippen. Umschlungene Körper, Bewegungen im Takt der Musik. Unverzeihliche Gesten. Das Gesicht meiner Freundin, das Warnungen ausspricht. Vorbeistürmender Geliebter mit umgarnter Schönheit an der Hand, hinaus in die Nacht.
Ich drücke die Kippe auf dem kalten Boden aus und wische sie zur Seite. Um mich herum liegen Scherben der Erinnerung. Scherben meines Lebens, in dem ich mich sicher und wohl gefühlt habe. Bis sich die Gerüchte in Gewissheiten gewandelt haben. Dinge, die ich gehört hatte, selbst von ihm bestätigt wurden. Zu lange taub und blind gewesen.
Niemals ist man sicher, niemals werde ich wieder vertrauen, niemals wieder in die Zuflucht einer gedachten Harmonie flüchten.
Ich greife nach dem Messer, das neben mir liegt. Öffne mit dem Griff eine weitere Flasche und leere sie zur Hälfte. Von plötzlicher Wut auf das Leben ergriffen, werfe ich sie durch das Zimmer, bis sie, eine Spur der Zerstörung auslösend, splitternd zerbricht.
Die Klinge des Teppichmessers rattert aus der schützenden Hülle und glänzt im Schein des Mondes, der durch das Fenster scheint. Das einzige Licht in diesem Zimmer, so wie es scheint, das einzige in dieser Nacht.
Eine einsame Träne rinnt mir über die Wange, hängt an meinem Kinn und stürzt hinab in die Dunkelheit.
Langsam und sacht ziehe ich die scharfe Klinge über meinen Unterarm. Der Schmerz dringt nicht in mein Bewusstsein, ist es doch von viel größerem Schmerz erfüllt. Winzige Blutstropfen erblühen auf weißer Haut. Wachsen und vereinen sich zu Perlen, die herabrollen und auf den Boden treffen.
Als würde mein innerer Schmerz sich ihnen anpassen, herausquellen und hinabfallen und zerplatzen auf dem glatten Boden. So bin ich mir sicher, nie wieder Schmerzen ertragen zu müssen, die er mir angetan hat. Weder er noch andere Menschen werden jemals wieder dazu in der Lage sein. Von dieser Gewissheit erheitert, dringt mein Lächeln in die Nacht.
Die Klinge liegt auf meinem Arm. Ein Versprechen von Frieden, von Ruhe und Erlösung.
Wieder ziehe ich sie durch die Haut.
Wieder quillt Blut und Schmerz heraus.
Und wieder! Tropfen vereinen sich zu Rinnsalen.
Und wieder!!
Und WIEDER!!
UND WIEDER!!! Euphorie durchströmt meinen Körper
WIEDER! UND WIEDER!!!
….
…..
…….
Vorbei.
Ich spüre nichts. Es ist geschehen. Ein Messer, der Hand entglitten liegt in einem See aus Blut. Blut das längst erkaltet und starr im Mondschein liegt.
Ein letzter Blick dem Körper, der einst mit gehört hat.
Dann wende ich mich ab.