Sonntag, 4. Mai 2014

Abenteuer Gastronomie




Es war inzwischen Mai, ein wunderschöner, und im Hause Comorph hatte es vor einiger Zeit Nachwuchs gegeben.
Man war eingeladen, die Jugendweihe des Neffen zu feiern, im idyllischen Nebenort, umgeben von Wäldern und Bergen. Die Sonne schien und nachdem man endlich die Koliken des Nachwuchses in Griff bekommen hatte, konnte man diesen in Jacke und Mütze hüllen, in die Sitzschale schnallen, den Kinderwagen falten und einen weiteren Großteil Babyutensilien (die man ja jetzt immer mitführen muss) in das Auto des netten Onkels laden, der bereit war alle und alles abzuholen. Leider passte nicht alles ins eigene Auto. Kleinstwagen haben Vor und Nachteile!

Herrliches Schweigen besänftigte die Kolik-Schrei-geplagten Ohren der Eltern während der Fahrt. Baby fand es zum Glück super, im Auto zu fahren. Die Feier sollte im Schanzenhotel stattfinden, am Stadtrand gelegen, hinter hundert Einbahnstraßen die steil bergauf führten. Eine schöne Gegend! Man schmiedete gleich Pläne, nach der Kaffeetafel einen Rundgang zu machen.
Nach und nach trafen auch alle Gäste ein und man betrat das Hotel. Die Nette Empfangsdame erklärte den Weg ins Restaurant und für Kinderwagen schiebende Eltern stand ein Fahrstuhl bereit. Schön. Beim Warten auf die Fahrstuhlkabine, man wartete lange, konnte man ein tolles Angebot für ein Cleopatrabad studieren. Für 2 Personen, mit Champagner, Kerzen und Ruhe... das klang wundervoll für frischgebackene Eltern. Nebenbei vermutete Frau Comorph allerdings einen Zusammenhang zwischen langem Fahrstuhlwarten und dort platzierten Angeboten.

Das Restaurant war schön. Es gab einen separaten Raum, in dem für alle 19 Personen eingedeckt war. Die Gardinen rochen frisch gewaschen und bis auf einen seltsamen staubbedeckten Tisch mit Weinflaschen in der Ecke war der Raum auch sauber. Der Kuchen wurde am Nebentisch aufgebaut und die Kellnerin fragte nach Wünschen, falls jemand nicht von dem Kaffee auf dem Tisch wollte. Frau Comorph wollte Tee. Schwarzen Tee.
„Ja, wir haben da zwei Sorten. Assam und....“ grübelte die junge Dame.
„Assam ist Ok, den nehme ich.“ Antwortete Frau Comorph. Sie bekam dann auch bald ein hübsches Teekännchen mit zwei Beuteln Assamtee gebracht.
„Darjeeling heißt der andere!“ teilte die Kellnerin freudestrahlend mit. Nunja. Kann man sich ja auch nicht so unbedingt merken. Zwei Sorten Tee. Und dann auch noch Fremdwörter.
Man bediente sich am Kaffee und stellte die Abwesenheit von Milch fest. Auch die Sahne, die zum Kuchen serviert werden sollte, glänzte mit Abwesenheit. Beides wurde nachgeordert und nachdem der Erdbeerkuchen fast verzehrt wurde, kam auch die Sahne. Ohne Löffel. Aber man will ja nicht so sein, und nahm die Kaffeelöffel. Sahne schmeckt auch pur.

Nach dem Kaffee beschloss man Spaziergänge zu machen. Baby wurde von einem Neffen mit Freundin entführt zum „Familiesein üben“. Alle anderen gingen ihrer Wege. Frau Comorph, ihr Freund und der Onkel liefen die Stufen der benachbarten Sprungschanze hinauf, um von Oben nach Unten zu schaun. Viele Menschen laufen gerne nach Oben um von dort nach Unten zu schaun und um dabei festzustellen, wie schön es doch Unten ist. Also lief man wieder nach Unten. Dabei bewunderte Frau Comorph die Blümchen am Wegesrand.

Irgendwann sammelte sie das Baby ein und gemeinsam rollten sie zurück ins Restaurant – Baby hatte Hunger. Der Kellner faltete Servierten und zeigte sich unbeeindruckt von ihrer Anwesenheit. Nach und nach traf auch der Rest der Familie ein und man sammelte sich abseits des Tisches um dem Kellner noch Zeit zu geben diverse Weingläser auf den Tisch zu stellen. Glücklicherweise hatte niemand einen Getränkewunsch, wäre er damit bestimmt überfordert gewesen. Er räumte den Kuchen ab, der nach zwei Stunden nun auch den Raum verlassen durfte, die krümelige Tischdecke jedoch blieb den ganzen Abend.
Babys Windel war inzwischen gut gefüllt und wollte gewechselt werden.
„Entschuldigen Sie bitte, wo finde ich denn einen Wickeltisch?“ ein gutes Hotel und Restaurant besitzt so etwas.
„Hmm, vermutlich hier auf der Damentoilette...“ vermutete der Kellner. Vermutete er jedoch falsch, denn auf der Damentoilette befand sich nur die Damentoilette. Die Dame an der Rezeption bekommt hier jetzt das Sternchen fürs Auskennen am Arbeitsplatz, denn sie wusste, dass es einen Wickeltisch im Erdgeschoss in der Behindertentoilette gab. Hier war es schön geräumig, es gab ein frisches Handtuch zum Unterlegen und sogar Windeln und Feuchttücher.

Es war nun 18 Uhr und man setzte sich an den Tisch. Die Kellnerin kam um nach Getränkewünschen zu fragen. Milchkaffee gab es leider keinen, denn der Kaffeeautomat war hinüber und Malzbier stand auch nicht auf der Karte. Na, Cola war auch ne Lösung.
Die Getränke wurden gebracht und dann folgte die Speisekarte. Der geübte Restaurantbenutzer erkennt hier vielleicht den Irrsinn in der Reihenfolge. Die Zeit verging bis man gewählt und endlich bestellen durfte. Und noch viel mehr Zeit rann vorüber bis die ersten Gerichte gebracht wurden.
Frau Comorph hatte Bandnudeln mit Rucolapesto, Cocktailtomaten und Parmesan bestellt und bekam als eine der Ersten das Essen. Sehr lecker. Vor allem einhändig zu essen, da Baby zu der Zeit auf ihrem Schoß und auch wirklich nur dort schlafen wollte. Schnitzel wäre auch lecker gewesen, aber das hätte so nicht funktioniert. Später hat sie es ein wenig bereut, da die Portion doch etwas klein war. Aber immerhin hatte sie weder Putensteak noch Schweinemedallions bestellt, denn von diesen Gerichten war nicht eins genießbar. Die Putensteaks waren nicht durchgebraten und die Medallions verdorben. Auch ein Schweineschnitzel musste reklamiert werden. Insgesamt wurden bei 6 von 19 Gerichten grobe Mängel bemerkt, die zu allgemeiner Unzufriedenheit sorgten. Sogar am Nebentisch musste sich der Kellner eine Beschwerde anhören. Wer vermutet auch in einem 4-Sterne Restaurant eine solche Qualität? Zum Glück kann man bei Nudeln nichts falsch machen, dachte Frau Comorph, während sie mit halbvollem Magen nach den Schnitzeln der Sitznachbarn schielte. Als Entschädigung „da es wohl zu einigen Unzufriedenheiten“ kam, wie die Kellnerin es ausdrückte, durfte man sich ein Dessert oder einen Schnaps aussuchen. Frau Comorph wählte das Toffifee-Parfait. Für diejenigen, die hier mit den Begriffen nichts anzufangen wissen, wird auf der Karte erklärt, dass es sich bei einem Toffifee um eine Süßigkeit aus Nougat, Nuss und Karamell handelt. Tja, wer hätts gewusst? Was ein Parfait ist weiß ja schließlich jedes Kind, muss hier ja nicht erwähnt werden!
Zumindest war diese Nachspeise sehr lecker, auch wenn die hellbraune Scheibe, garniert mit einem Blatt Melisse ein wenig an ein Bild aus der Sheba Werbung erinnerte.

Am Ende des Tages war man also mehr oder weniger satt und hatte auch mehr oder weniger bekommen was man wollte. Man war sich jedoch sicher, diese Gaststätte nicht wieder zu besuchen. Baby war müde, viele waren genervt, der Kellner abwesend - sonst hätte Frau Comorph ihm noch den Weg zum Wickeltisch erklärt – und der Abend war somit gelaufen. Allein eine Cocktailtrinkende Runde am Ende des Tisches genoss noch ein wenig länger den Abend, als Familie Comorph sich verabschiedete. Zu Hause gab es erstmal eine große Scheibe Käse. ...auch wenn sie lieber ein Schnitzel gehabt hätte...