Die Sonne scheint strahlend vom Himmel,
es ist das absolute Sommerwetter. Blauer Himmel, warme Luft, winzige
Wölkchen am Himmel, einfach herrlich! Was gäbe es schöneres, als
an solch einem Tag am Strand oder am See zu liegen und ein gutes Buch
zu lesen?
Stifte verkaufen! An solchen Tagen
verpasst man sonst einiges.
Die Schule scheint noch in weiter
Ferne, doch die Schulmaterialien wollen trotzdem besorgt werden.
Besorgt laufen deswegen die Muttis durch die Geschäfte um mit den
kryptischen Angaben der Lehrer hoffentlich das richtige Material zu
kaufen. Glücklicherweise gibt es in dieser kleinen, harmonischen
Stadt ein gut sortiertes Stiftegeschäft mit ausgebildeten
Spezialverkäuferinnen, die sich u.a. auf enigmatische
Verschlüsselungstaktiken der Lehrer spezialisiert haben.
So kommt es des öfteren vor, dass
Lehrer Pinsel in Größen 5, 10 und 15 verlangen, wobei es niemals
ungerade Größen gegeben hat. Weder als Borsten- noch als
Haarpinsel. Gemeint ist: Besorgen Sie 3 Pinsel unterschiedlicher
Größe, fein, mittel, breit. Hätte man in dem Fall auch einfacher
angeben können, hat ja bisher nur 34 Muttis verwirrt.
Auch sind Hefte der Größe DIN A4 der
Lineatur 4 gefragt. Gibt es ebenfalls nicht, liebe Lehrer, die nennt
man dann 21, 25 oder 27, je nachdem ob und welchen Rand man haben
möchte. Aber schickt die armen Frauen mal los, die haben ja sonst
nichts zu tun.
Da die heutige, Kinder erziehende
(manchmal mehr, manchmal weniger) Frau die meiste Zeit ihrer
Freizeit, von der sie ausreichend hat, mit dem Studium mysteriöser
Schriften verbringt, sind solche Aufgaben kein Problem. Hat sie doch
im letzten Monat den Fußnagel des Monsters von Loch Ness besorgen
müssen, da diese letzte Zutat gerieben den richtigen Pfiff in Tim
Mälzer's Antipasti-Auflauf bringt. Vor 3 Wochen war es der
Kosmetikpinsel aus Yetihaar, der durch sein weiches und dichtes Haar
optimales Auftragen von Lidschatten verspricht – laut Testbericht
der letzten Cosmopolitan. Und letzte Woche, das war zwar etwas
schwieriger, aber man hat es auch geschafft: Original Bermudadreieck
Meersalz. Denn dieses kann nur an der endlosen Küste der dort
verschwundenen Insel geschöpft werden! Es ist ein besonders
aromatisches, leicht roséfarbenes Meersalz mit einem Hauch Mango.
Die Schauspieler der Serie Lost schwören darauf, es passt wunderbar
zu Fischgerichten, eignet sich aber auch als mildes Peeling.
Von daher sollte es ja auch kein
Problem sein, die Schulzettel abzuarbeiten. Ha, Kinderspiel!
Scherz beiseite: die gemeine
Stiftverkäuferin hat im Sommer viel zu tun, sich den Mund fusselig
zu reden, warum denn der ach-so-schlaue Lehrer einen Fehler machen
sollte. Er ist ja schließlich Lehrer. Und Lehrer sind ja weise, wie
man weiß, sonst wären es keine Lehrer. Doch der Großteil der
Schulverzettelmuttis sieht es irgendwann ein und kauft das empfohlene
Alternativprodukt. Ein kleiner Teil läuft jedoch noch immer suchend
durch die Gänge von Supermarkt und Co und sucht Den EINEN Pinsel!
Ein Pinsel, sie ewig zu binden... ist niemals zu finden.
Vernünftige Leute, die sich den
Wuselstress in den Geschäften sparen wollen, sind im Urlaub. So
fallen wiederum die Außergewöhnlichen Kunden etwas mehr auf.
Ein älterer Herr betritt den Laden und
bezahlt eine Karte, die er sich auf den Drehständern vor der Tür
ausgesucht hat.
„Dankeschön. Ich wünsche Ihnen noch
einen schönen Nachmittag!“
„Danke, das wünsche ich Ihnen auch.
Wenn Sie noch Lust haben, einen flauschigen Hund zu streicheln, ich
hab da draußen einen vor der Tür sitzen!“ sprach der Herr.
Nun, normalerweise ist dies jetzt der
Augenblick, panisch zu werden, die Sittenpolizei zu rufen und
schreiend im Kreis zu laufen. In dem Fall sah die gemeine
Stiftverkäuferin kurz am Kunden vorbei und entdeckte dessen wartende
Frau mit einem flauschigen Hündchen vor der Tür.
„ähm... nein Danke!“ Die gemeine
Stiftverkäuferin gehört nicht zu der Art Frauen, die jeden Hund
knuddeln, in Kinderwagen schauen und glucksende Quietschgeräusche
machen. Man bewahrt Würde.
„Möchten Sie zufällig eine Wohnung
mieten?“ ist ebenfalls eine Frage, mit der man im Stiftegeschäft
nicht täglich rechnet. Ein älterer Herr in Hotpants und
transparentem, schwarzen Muskelshirt, freudestrahlend über beide
Wangen spaziert in den Laden und tönt:
"Ich werde mal ein paar Kopien anfertigen!“ was er dann auch tut und
anschließend seine Wohnung feil bietet. Ernst bleiben, trotz
abstrakter Kleidung! Ganz Ernst!
Würde, Ernst und Ruhe sind also die
vorrangigen Eigenschaften der Verkäuferinnen in diesem Sommer. Ruhe
vor allem bei gewissen Familien, die in Schwärmen den Stifteladen
stürmen, durcheinanderreden und hektisch hin und her laufen.
Einatmen, Ausatmen und GO!
Zuerst Kundenwunsch ermitteln: am
besten bei der Mutti, die hat das Sagen. Im besten Fall, eignet man
sich den Schulzettel an und arbeitet ihn von oben nach unten durch.
Kinder werden grundsätzlich ignoriert,
es sei denn, sie sollen Entscheidungen treffen. Also weghören bei
„MAMAAA KRIEG ICH DAAAS?“, „Gehen wir noch Spielzeug kaufen?
Mama? Mama? Mama? Gehen wir noch Spielzeug kaufen? Mama? Mama? Mama?
…“ und „Ich möchte DAS! MAMAAAA ich möchte DAAS!“ und so
weiter. Einfach ausblenden. Ist schwer, aber mit einiger Übung geht
das, die Mutti kanns ja auch.
Wenn man nun Glück hat, ist die Mutti
über ihr aktuelles Arsenal an Material informiert. Wenn nicht,
dauert es etwas länger.
„Schätzchen, hast du noch einen
Tuschkasten? Ich weiß nicht, ob du den noch hast. War der nicht weg?
Schätzchen, schau doch mal.“ Schätzchen hat jedoch kein Interesse
an Tuschkästen und möchte lieber Buntstifte. „Du hast noch
Buntstifte.“ „Nein, die sind alle!“ „Doch, da sind noch
welche.“ „NEIIN, ich will neue.“ Man dreht sich zur Seite,
sortiert ein wenig zu Sortierendes und schaltet ab.
*düdel-di-düühühüüü *
„So, wo waren wir stehen
geblieben...? Brauchten Sie einen Tuschkasten?“
„Ach, hmm.. ich weiß ja nicht...“
Nicht durchdrehen. Abwarten. Schauen
wir uns jetzt folgendes Gespräch an:
Mutti: „Ein Dina A 4 Heft Nr.25“
Stiftverkäuferin: „Ein DIN A 4 Heft
Nr. 25, hab ich.“
Mutti: „Ein Dina A 4 Heft Nr.28.“
SV: „Ein DIN A 4 Heft Nr.28, hab
ich.“
Mutti: „Ein Dina A 4 Heft Nr.27.“
SV: „Ein DIN A 4 Heft Nr.27, hab
ich.“
Man sollte jedoch niemals nachfragen,
wer denn Dina ist.
Und letztendlich ist es auch die Zeit
der Schulrucksäcke. Dieses Jahr sind die Rucksäcke der Marke
Snätsch der Renner. Sie verkaufen sich meist von alleine, weil sie
einfach eine gute Form, moderne Farben und praktische Etuis haben.
Doch es gibt auch hier Kunden, die alles ein wenig anders sehen.
So gab es den Herrn S., der für seinen
Sohn einen Rucksack zurückstellen lies, weil er ihn erst anprobieren
sollte. Es sollte unbedingt der blau karierte sein. Drei Tage später
kam der Herr S. wieder und fragte, ob der Rucksack noch bis zum
Wochenende zurückgestellt werden kann, denn seine Frau wolle ihn
noch ansehen. Einen Tag später kam der Herr S. erneut und fragte, ob
man denn noch einen zweiten zur Auswahl reservieren könne, denn
seine Frau fände den blauen doch noch schöner. Am Freitag kam Herr
S. mit seiner Frau, jedoch ohne Sohn. Sie verkrümelten sich in der
Rucksack-Ecke und sahen sich den Rucksack an. Die gemeine
Stiftverkäuferin trat hinzu und fragte, ob sie denn mit Rat und Tat
zur Seite stehen könne. Nein, sie werde nicht gebraucht! Aber eine
Frage hätte man doch.
„Der blaue Rucksack hat keine Laschen
über den Reißverschlüssen, der karierte hat welche. Gibt es den
denn noch ohne?“ Hier entdeckte die gemeine Stiftverkäuferin dass
es tatsächlich Unterschiede zwischen den beiden Farben eines
Modelles gab. Aber sie könne nicht versprechen, dass im Falle einer
Bestellung der Rucksack ohne Laschen käme, weil alle Rucksäcke der
jeweiligen Farben entweder so oder so gearbeitet sind. „Aber das
ist doch unpraktisch. Schauen Sie doch:
*ritsch-ritsch
* bei dem blauen Rucksack geht der Reißverschluss total einfach.
*ritsch... ritsch * und bei dem karierten, da hakt das etwas!“
Nunja. Man füllte den Rucksack mit Kopierpapier und probierte
erneut. Die Stiftverkäuferin fand nicht, dass es hakt, es lies sich
nur mit anderen Handgriffen öffnen. „Aber ich weiß ja nicht, ob
mein Sohn das auch so hinkriegt. Ich krieg es ja hin. Aber mein Sohn
ist Linkshänder!!!“ Oh nein. Er wird nie einen Ranzen öffnen
können, dachte die Stiftverkäuferin sarkastisch. Das
Problem stand also im Raum. Der Sohn fand den karierten Rucksack
schöner, der blaue ließe sich jedoch einfacher öffnen. Argumente
wie „er wird sich daran gewöhnen“ und „das geht mit der Zeit
einfacher, wenn das Material weicher ist“ wurden ignoriert, der
Sohn sei schließlich Linkshänder. Das arme Kind.
Man
diskutierte insgesamt eine knappe Stunde, dann gingen die Eltern nach
Hause um noch einmal über den Kauf des Rucksack nachzudenken und um
ihren Sohn zu fragen, ob er denn nicht vielleicht doch lieber den
blauen Rucksack haben wolle.
'Ich
brauch 'nen Schnaps!' dachte die gemeine Stiftverkäuferin und
wünschte sich den Herbst herbei.
Glücklicherweise
ist es im Stifteladen nicht immer so. So anders. So außergewöhnlich.
Aber
bald ist Herbst. Und Weihnachten ist ja auch wieder bald. :)