Aus dem Leben der gemeinen Stiftverkäuferin
Hatschi!
Jahrzehnte ist es her, dass meine Mutter mir beibrachte: Kind, wenn du niesen musst, halt dir die Hand vor den Mund. Ebenso beim Husten. Warum? Selbst das wurde mir erzählt: wenn du Niest, fliegen hunderte von fiesen Krankheitsbazillen durch die Luft und stecken alle Leute an. Und es ist unhygienisch.
Heutzutage interessiert das scheinbar niemanden. Im Stifteladen wird während der Wintermonate gehustet, geniest und geröchelt was das Zeug hält. Vermutlich eine neue Art der Erziehung oder eine ignorante Art gegenüber Mitmenschen, oder ein fehlen der eigenen Erziehung ist unser heutiges Thema hier.
Fall 1: Frau G. die gemeine Stiftverkäuferin hat munter dekoriert, kleine niedliche und glänzende Autos mit Schraubenziehern, Mororräder mit Uhr, LKWs mit Notizzetteln und diverse Schlüsselanhänger hergerichtet damit des den potentiellen Kunden zum Kauf anregt. Alles blitzt und blinkt und läd zum Anschauen ein. Auch zum Anfassen, darum hält die gemeine Stiftverkäuferin jedes Mal ein Auge auf kleine Kinder, die nur „Auto“ sehen und nicht „teures Auto mit Schraubenzieher für Erwachsene“. So stand sie auch neben dem kleinen Paul, als er mit den Autos spielen wollte. Seine Mutter stand im hinteren Teil des Ladens und lies sich beraten, hatte also in dem Moment kein Auge für ihren Sohn. Paul, gerade 2 geworden, hatte klebrige Hände, eine laufende Nase und kein Interesse für die ermahnenden Worte der gemeinen Stiftverkäuferin.
„Das ist nicht zum Spielen“ , „Nein, lass das mal lieber...“ und dann: „HATSCHII!“ Und „HATTTSCHHHI!!“
Dinge flogen auf die neue glänzende Ware und benässten alles. Freudige Bazillen stiegen in LKWs ein und fuhren auf Motorraduhren um die Wette. „Üäääh!“ dachte sich Frau G. Warf der Mutter einen bösen Blick zu, denn diese hatte es doch tatsächlich am Rande mitbekommen und rief ihren Paul zum Naseputzen. Und was ist mit den Schlüsselanhängern? Rotztriefenden Briefklammernspendern? Die musste Frau G. reinigen.
Und schwor sich, ihre Kinder zu erziehen!
Einen anderen Tag stellte die gemeine Stiftverkäuferin fest, dass nicht nur 2jährige Kinder das Frei-Niesen beherrschen. Selbst 5jährige konnten Erziehungslos zu Warenbefeuchtern mutieren. Denn der kleine Jason bewunderte einige Porzellan Artikel, als ihn der Niesreiz überkam. Bäm! Warum drehen sich Kinder dann nicht weg? Warum wird geniest wo man steht und guckt? Und warum hat auch seine Mutter nicht ein Wort gesagt?
Doch am Schlimmsten war der kleine Jannes. Jannes bekam einen Ranzen, denn er wurde bald eingeschult. Frau G. hockte sich vor ihn um den Ranzen einzustellen, Träger zu richten und Sitz zu überprüfen, als sie von einer weiteren Kundin angesprochen wurde und die Katastropfe nicht nahen sah. Ja, Katastropfe!
Denn ehe sie sich versah, nieste der kleine Jannes ihr ins Gesicht. Des Jannes Mutter saß daneben, doch auch hier wartete man vergebens auf eine erzieherische Reaktion. Die gemeine Stiftverkäuferin wiederum war so verdattert und verekelt dass sie kein Wort des Scheltens herausbekam und sich nur angewidert den Schleim von der Backe wischte.
In der darauf folgenden Nacht, während Frau G. ruhte, begannen des Jannes Mikroben munter in ihr zu toben. Daraus entstand eine Erkältung wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte. 3 Tage Halsweh, 5 Tage Schnupfen und 3 Tage Husten! Und Gedanken der Rache die hier aus jugendschutzgründen nicht genannt werden. Und unbeantwortete Fragen der Respektlosigkeit gegenüber fremden Menschen. Und mögliche, bessere Gegenreaktionen, wie Zurückspucken, Ohrfeigen, Elternbezetern... doch im Grunde tat sie nichts. Denn es ist nicht ihr Kampf der hier gefochten wird. Es ist der Kampf der allgemeinen Vernachlässigung der Erziehung der Kinder. Und Gedanken des Weltunterganges kreisen durch den Geist, hervorgerufen durch die Idee einer Armee von pöbelnder Idioten, verschnupft, sich gegenseitig ansteckend, autoritätslos in der Zukunft der Menschheit herum vegetierend. Was soll nur aus uns werden...?

