Es war ein normaler, etwas ruhiger Tag im Leben der gemeinen Stiftverkäuferin, als gen Nachmittag eine Familie den Laden betrat.
„Schönen guten Tag. Kann ich Ihnen helfen, oder schauen sie erst einmal...?“ war die Frage, die sie sich hätte lieber verkneifen sollen.
Ja, war die Antwort, wir brauchen einen Zirkel.
Der Junge im Alter von ca 10 Jahren bekam von der Lehrerin die Mitteilung einen Zirkel zum Unterricht mitzubringen.
Diese Aufgabe zu erfüllen würde den normalen Menschen etwa 10Min seines Lebens kosten. Rein in den Markt, hin zum Regal, Farbe aussuchen, Preis ok? Dann ab zur Kasse.
Nicht so in der Familie X bei der daraus ein kleiner Nachmittagsausflug wurde.
Stiftverkäuferin: „Hier haben wir die Zirkel. Entweder die von FC oder von Ro.“ Hinweisender Fingerzeig auf Modell und Farbe.
Mutter: „Welche sind denn besser?“
Stiftverkäuferin: „Im Prinzip sind beide gleich gut, die einen sind bunt gemustert, die anderen nicht, lassen sich aber im Schenkel abknicken.“
Der Sohn fand den blauen von Ro am besten und nahm ihn aus dem Regal.
Mutter: „Was kosten die denn?“ Preise wurden genannt.
„Ah ja. Und worin unterscheiden sie sich?“ Stiftverkäuferin weist erneut auf abknickende Schenkel und Muster hin.
„Ben (Name geändert), schau mal, welcher gefällt dir denn?“
Ben zeigt blauen Zirkel von Ro.
„Können wir den mal aus der Packung nehmen? Dass wir mal schaun können, der muss ja auch gut in der Hand liegen und leicht zu bedienen sein.“ Stiftverkäuferin nimmt Zirkel aus der Packung.
„Jetzt nimm den mal in die Hand. Lässt der sich leicht bewegen?“
Stiftverkäuferin verneint: „Der muss sich nicht leicht bewegen können, sonst verändert der beim Kreiseziehen den Durchmesser...“
Ben bedient den Zirkel. Großer Durchmesser, kleiner Durchmesser.
Mutter: „Du darfst den aber nicht so auf machen, dafür ist das Rädchen zum Verstellen da.“
Stiftverkäuferin erklärt den Sinn von Schnellverstellbarkeit ohne Rädchengekurbel.
„Ben, jetzt guck mal wie der in der Hand liegt, oder ob du da abrutscht.“
Zirkel hat Schenkelseitengummierung mit Noppenbesatz.
„Jetzt guck mal ob du die Schenkel auch gut abknicken kannst. Oder ob das schwer geht.“
Ben dreht an den Schenkelschrauben, verstellt die Schenkel, knick ein, knick aus.
„Ben, oder willst du den anderen?“
Stiftverkäuferin kriegt Panik.
„Guck mal Ben, der andere hat ein Muster. Was meinen Sie denn, welcher ist denn gut?“
Da sich Ben schon seit 10Min für den blauen Ro Zirkel entschieden hat, zeigt die Stiftverkäuferin auf den blauen Ro Zirkel.
Mutter guckt Vater an. „Herbert, was meinst du denn dazu?“
Herbert guckt sich die Zirkel an. Nimmt den blauen von Ro, Schenkel knick ein, knick aus, großer Durchmesser, zusammendrücken.
„Ja, das muss doch Ben wissen. Ben, welchen möchtest du denn?“
Ben total gelangweilt.
Mutter nimmt gemusterten Zirkel von FC aus dem Regal.
„Schau mal Ben, der ist auch nicht schlecht.“
Ben: „Nein, ich will den blauen.“
Mutter: „Naja, wenn du das sagst. Was kostet der ? Na das ist ja auch ok.“
Und dann sagte sie den Satz, den man in diesem Moment nicht mehr fürchten könnte:
„Wir wollten dann aber auch noch mal nach einem neuen Ranzen gucken. Ben? Du brauchst ja noch einen neuen Ranzen für die 5. Klasse.“
Damit resignierte die gemeine Stiftverkäuferin und begann ein noch längeres, komplizierteres und aufwendigeres Gespräch über einen Schulrucksack.
Denn da gab es 3 unterschiedliche Modelle, von denen 2 mit Schulsachen gepackt werden mussten, die Eltern beide aufsetzten, sich entschieden dass der eine besser als der andere sei. Dabei aber viele Gurte herunterhingen (Verlängerung der Trageriemen) in denen sich das Kind ja verfangen kann. Welcher denn den besseren Rücken hat, welcher bunter ist, welcher billiger ist, aber länger hält... etc, etc, etc.
Und als die Familie nach einer weiteren Stunde, die man sich hätte sparen können wenn man auf den Geschmack des Knaben gehört hätte, endlich den Laden verließ, dachte die gemeine Stiftverkäuferin ernsthaft darüber nach, eine Flasche Schluck im Kühlschrank zu deponieren.
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