Sonntag, 28. Oktober 2012

"Stadtratten"


Betrunkenheit passiert manchmal. Uns zum Glück eher abends wenn alles dunkel ist. Die meisten Leute schlafen dann und nur sehr, sehr wenige bekommen mit, wie man sich daneben benimmt. Zum Glück.
Doch anderen Leuten passiert Betrunkenheit tagsüber, und in der alles sehenden Öffentlichkeit. Ihnen ist das wohl egal. Zumindest zu diesem Zeitpunkt.

Eines schönen Sommernachmittages betrat ein junger Mann den Stifteladen, sang nette Lieder mit falschen Tönen von Matthias Reim und sprach zur Stiftekollegin:
„Verdammt ich lieb dich! *sing * Hei, ich brauch so Karten, wo man seine Adresse draufdrucken kann, weißt du? So die man den Leuten dann geben kann.“
Stiftekollegin wurde leicht benebelt von der Fahne, die ihr der fröhliche Mann entgegenhauchte und schlug vor:
„Meinen Sie Visitenkarten?“
„Jaaah, da haste Recht!“ und er strahlte. Sie begaben sich zum Ende des Ladens um aus der Großen Auswahl an Visitenkartenpackungen eine Packung auszuwählen.
„Welche möchten Sie?“ fragte sie ihn.
„Aaach, ganz egal. Gib mir die da!“ und wies auf eine Packung. Sie begaben sich, begleitet von wehenden Fahnen, zurück zum Kassenbereich, wo die gemeine Stiftverkäuferin lauerte. Man muss ja manchmal auf sich aufpassen, denn manchmal passieren Dinge im Stifteladen, da braucht eine Stiftverkäuferin Beistand.
„Yeah! Ach, ich hab son bisschen getrunken!“ lachte er ihnen entgegen, während er das zu bezahlende Geld auf den Tresen blätterte.
„Ihr habt nicht noch zufällig ein Glas Wodka?“ kicherte er und verließ den Laden, da sie dieses verneinten. Seine Fahne war so lang, dass sie noch eine Weile im Laden wehte, bevor sie seinem Herren folgte.
Zum Glück war es warm, so dass man die Ladentür öffnen konnte.
Eine Tag später.
Ein netter junger Mann betrat den Laden und steuerte auf die Stiftverkäuferin zu.
„Hei! Ich brauch so Karten, wo man seine Adresse drauf stehen hat, weißt du? So die man den Leuten dann geben kann.“
Da die gemeine Stiftverkäuferin nicht an Fehler in der Matrix glaubt und auch ein Deja-vu nicht so hyperreal erscheint, erwiderte sie:
„Waren Sie nicht gestern schon hier und haben welche gekauft?“
Der Mann stutzt und überlegt.
„Also ich hatte ein bisschen was getrunken. Hab ich die gestern echt gekauft? Ich wollte ja welche kaufen... ha.“
„Jaa...“
Gut gelaunt, da er kein Geld ausgeben musste, verließ der Kunde den Laden.
Also wir merken uns: Trinke nie Alkohol, während die Geschäfte auf haben!

Es gibt also nette Menschen, denen Betrunkenheit zustößt. Auch Menschen, denen Betrunkenheit regelmäßig zustößt, können nett sein, wie die Stiftverkäuferin feststellte. Denn als zwei lustige Welche dieser Sorte den Laden betraten und nach Kugelschreiberminen fragten, und auch noch nett bedient worden, schrieben sie nette Dinge auf den Testzettel. Zwar war dieses nur ein „Danke“ aber das war schon mehr als andere Kunden tun.

Doch es gibt auch andere Personen... einst betrat ein Mann den Laden, missmutig und sehr dem Genuss hochprozentiger Getränke verfallen, der die Stiftekollegin um einen Gefallen bat.
„Hast du'n bisschen Geld für mich? Ich will was zu Essen kaufen!“
Mitten im Gespräch unterbrochen antwortete die Kollegin:
Nein, tut mir leid, wenden sie sich doch bitte an die XY Stelle, da bekommen Sie etwas zu essen...“
Ungehalten über so eine unfreundliche und absolut unerwartete Antwort, plusterte sich der nicht wohlriechende Mann auf und rief:
„Na dann schönen DANK, du altes SUPPENHUHN!“
und verließ den Laden.

Glücklicherweise sind ungehaltene Personen, denen Betrunkenheit zustößt meist außerhalb des Stifteladens anzutreffen. So wie der dezent gekleidete Mann, den die gemeine Stiftverkäuferin beobachtete, da ihr sein Hut auffiel. Denn der war hübsch geformt und mit einer Feder verziert. Doch als der Mann auf einmal laut „STADTRATTEN!“ über die Straße brüllte und Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht zu bekommen schien, war der Hut weniger interessant. Interessanter war nun herauszufinden, wen er denn so betitelte. Denn er war alleine.
„RATTEN!“ Die Stiftverkäuferinnen liefen an den Fenstern entlang und beobachteten, wo der Mann den hinginge. „VERDAMMTE RATTEN!“ Man hörte ihn gut, denn er war laut und die Oberlichter geöffnet. (Wer an dieser Stelle nicht weiß, was Oberlichter sind, dem geht es nicht besser als der Stiftverkäuferin vor einigen Jahren. Es handelt sich um die Klappfenster, die über den Fenstern sind, die sich nicht öffnen lassen)
Der Mann zog vorbei, wurde von einer Hauswand angerempelt und verschwand aus den Stiftverkäuferinnen Blickfeld. Sie warfen sich diverse Blicke zu, die der Situation angemessen waren und begaben sich wieder in den vorderen Teil des Ladens. Doch, Hölle und Rattenkot! Durch die Oberlichter schwappte ein gar fürchterlicher Gestank von Betrunkenheit und Dingen, deren Namen nicht genannt werden dürfen! Entsetzt flüchteten sie vor diesem Teufelsduft.
Wir merken uns: Selbst was da nicht nah ist, kann einem trotzdem den Magen umdrehen.

Unglücklicherweise trifft das auch auf die Hinterlassenschaften betrunkener Leute zu. Denn Montag morgens kann es vorkommen, dass diese von den Stiftverkäuferinnen entfernt werden müssen. Gerüche in Hausecken, Bierflaschen in Blumenkübeln (andererseits, man könnte auch eine Beobachtung über die potentielle Alkoholabhängigkeit von Buchsbäumen starten, da diese auf mysteriöse Weise ständig von leeren Schnapsflaschen umgeben sind. Zufall? Oder Beweismaterial?) und netterweise nur selten Erbrochenes.

Also Leute, hört gut her: Betrunkenheit ist selten schwer. Doch übel wird es, glaubt es mir, trinkt ihr des Tags nicht nur ein Bier. Und lauft danach noch draußen rum, die Welt hält euch geschwind für dumm! So trinkt des nachts schön euer Zeuch, die Stiftverkäufer danken's euch.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen