Diesesmal sind wir nicht im Stifteladen
unterwegs. Nein, wir sind auf großer Reise, einmal hin und zurück
in die Landeshauptstadt. Ok, eine große Reise wärs jetzt nicht
gewesen, wenn Frau Comorph mit dem Auto gefahren wäre. Aber sie
entschied sich, nunmal mit dem Zug zu fahren.
Sonntag, 14:06 der Zug fährt pünktlich
ein. Oh, schaut her, ihr Leute, denn es kommt heutzutage einem Wunder
gleich, wenn ein Zug mal pünktlich kommt. Aber wir wollen jetzt die
Bahn nicht zu sehr loben, bevor wir nicht einen genaueren Blick auf
die Szenerie geworfen haben: Bahnsteig 4 – etwa 80 Leute stehen mit
und ohne Koffer herum und wollen einsteigen. Der Zug der gerade
einfährt hat 4 Waggons, die jeweils zu 85% besetzt sind, denn er
kommt ja schon wer weiß woher. Also drängeln sich die 80
kofferziehenden Leute noch mit hinein. Wenn man mitrechnet: ca 20
Leute pro Abteil, in dem jeweils etwa 7 Sitzplätze frei sind, also
stapeln sich die restlichen 13 Personen sonstwohin. Ja, es gibt ja
noch die Bereiche mit den Notsitzen zwischen den Abteilen , dachte
sich Frau Comorph, in der Schlange der Schiebenden. Aber die sind
auch belegt, denn manch einer mag sich nicht direkt neben eine fremde
Person setzen, oder hat mehre Koffer oder einen Kinder wagen oder
Fahrrad dabei. Sie quetschte sich also mit in ein Abteil, das mehr
oder weniger überfüllt war und stand. Hier sollte man auch noch die
Automatiktüren erwähnen: Man drückt einen Knopf und die Tür geht
auf. Clever gedacht. Nur geht die Tür auch irgendwann automatisch
wieder zu, egal, ob man durch ist oder nicht, weil vor und hinter
einem noch Personen stehen! Was wiederum dazu führt, dass man
entweder nach hinten fallen, oder sich nach vorne werfen muss.
Gebremst von der Gummidichtung der Tür, die nur schlecht über
Rucksack und Winterjacke gleitet. Muss ja die Zugluft abhalten, nicht
dass jemand im Zug sitzt und sich erkältet.
Also: Knopf drücken, quetschdrängel,
türgequetsch, ziehwürg und plopp drinne.
Weiter gings allerdings nicht mehr,
denn Frau Comorph steckte diesmal zwischen den netten Weibern einer
Kegelclubfahrt fest. Von vorne kam eine hilfsbereite Zugbegleiterin,
die auf noch vorhandene Plätze hinwies.
„Hier kann noch einer hin!“ „Wennse
den Koffer wegnehmen, kann da auch noch einer hin!“
Weil scheinbar keiner wollte, oder sich
traute, setzte sich Frau Comorph zu drei glatzköpfigen Männern, die
an einem Vierertisch saßen und Bier tranken. Los ging die Fahrt.
Frau Comorph zog einen Roman aus ihrem
Rucksack und begann zu lesen. Etwas eingeengt zwischen dem dicken
Mann mit der Glatze rechts und der älteren Frau auf dem Koffer
links. Und natürlich wurde es ab und an noch kuscheliger, wenn
jemand sich hindurchzwängte um aufs Klo zu gehen. Weiter hinten im
Zug wurde schrill gegackert. Woraufhin die Glatzköppe ebenfalls
gackerten, denn sie meinten: je oller, je doller.
Gegenüber von Frau Comorph saß neben
dem dortigen dicken Mann mit Glatze eine Ute. Und die Ute wollte ein
Alster. Das erzählte sie mehrmals der Petra, links neben Frau
Comorph auf dem Koffer saß. Petra wiederum rief in den hinteren
Zugbereich, dass die Ute ein Alster will und prompt bekam die Ute
auch ihr Alster. Netterweise wurde es ihr von einem Glatzkopp
geöffnet. Petra hatte Lust auf Rotwein, denn sie hatte ja noch einen
Rotwein in der Tasche, kramte allerdings ein Schnapsglas hervor.
Diese Geste wurde von Gisela schräg links sofort erkannt, die ihr
Schnapsglas ebenfalls hervorzog und den dazu passenden Flachmann.
„Stößchen!“ Prostete man sich mit Birnenschnaps zu. 3
Glatzköppe lachten sich kringelig. „Stößchen!“
Auch Frau Comorph konnte sich nicht
mehr auf den Text im Roman konzentrieren und lachte mit. War die
Situation doch sehr absurd.
Ein paar Minuten später, nachdem sich
die Männer über Saufgelage, Bärbel und provozierende Sprüche
während des Essens beim Thailänder unterhalten hatten, beschlossen
zwei von ihnen, doch schon früher auszusteigen. Yey, Platz. Frau
Comorph rutschte durch und saß nun mit dem Dicken, der Ute und der
Petra am Tisch. Ute und Petra bekamen eine Tasche mit lustigem
Klimpern von hinten durchgereicht und freuten sich gar sehr! Der
Glatzkopp schlug die Hände überm Kopp zusammen und nuschelte
„neeneenee...“
Ute verteilte kleine Schnäpse aus der
Tasche, natürlich auch an den Dicken. Frau Comorph lehnte dankend
ab. Die Klimpertasche wurde weiter nach vorne gereicht, über die
Köpfe der Mitreisenden, mit den Worten: „Wer will, soll sich was
nehmen, das muss alle werden!“ Lustiges Gackern klang aus diversen
Ecken. „Pröstchen!“ Brüllte man sich zu.
Dann war Petra zu warm und Ute nickte,
Hitzewallungen. Auch der Dicke stimmte zu, worauf Petra feststellte,
dass er sich ja gut mit Frauen auskenne. „Nur mit alten..“
erwiderte er, was er im Nachhinein bereute, aber was auch ein
gröhlendes Gackern auslöste, das durch das Abteil zog, die
Erklärung im Schlepptau. Frau Comorph legte ihr Buch beiseite und
wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Ihr war jetzt auch
warm.
Plötzlich war die Zugfahrt zu ende.
Kam Frau Comorph gar nicht so lange vor wie sonst. Auf dem Bahnsteig,
fast fortgeschwemmt von den ausströmenden Menschen, stand ihre
Freundin um sie abzuholen.
Ja, so kann eine Zugfahrt sein, aber
wie jeder weiß, auch anders.
Am ende der lustigen Tage stand die
Heimreise wieder an. Der Zug fuhr um 18:55 auf Gleis 7. Ganz
gemütlich erreichte man den Bahnhof um 18:15 und gönnte sich einen
frisch gepressten Saft vom Saftstand. Ja, solche tollen Sachen gibt
es in Hauptstädten! Das Ticket wurde gekauft, der Automat wollte die
EC-Karte nicht, aber man hatte ja noch Bargeld. Ein Blick auf die
Anzeigetafel zeigte an: der Zug hatte 30min Verspätung. Na toll.
Also war mit einer Abfahrt um etwa 19:25 zu rechnen. Man ging also
einen Tee trinken. Da man den Zügen jedoch nicht traute, ging man
schon im 19:10 zum Bahnsteig 7. Aber der Zug wurde jetzt nicht mehr
angezeigt. Wie seltsam. Frau Comorph fragte also an der Info, wo der
Zug mit den 30min Verspätung geblieben ist.
„Ja, der ist schon weg. Der hatte
doch nicht 30min Verspätung, das ist nur eine Richtlinie, nach der
man sich nicht richten sollte.“ So war die Erklärung, des netten
Infomannes.
So. Man verbrachte etwa 5 Minuten mit
Gezeter und Geschimpfe, wobei diese 5 Minuten nur als eine Richtlinie
der Bahn anzusehen sind. Der nächste Zug fuhr ja schon bald, um 19:
48. Vorsorglich verbrachte man die restlichen Minuten am Bahnsteig.
Und siehe da: der Zug war pünktlich.
Was bei seinem Alter jedoch nahezu ein Wunder war. Aber so ist es
immer: hin geht’s mit dem super modernen Zug und zurück nur mit
dem Klapperding. Man verabschiedete sich herzlich und Frau Comorph
stieg ein, bleib sogar nicht an Türen hängen, da man diese selber
wieder zu schließen hatte. Auf der Hälfte der Fahrt hielt der Zug
nach einem Halt an einem Bahnhof aus undefinierbaren Gründen kurz
an, rollte aus, stockte und rappelte weiter. Woraufhin er bei der
Ankunft im Heimatbahnhof etwa 5min Verspätung hatte.
Man lernt also: Fährst du mit dem Zug,
nimm dir Zeit. Viel Zeit. Denn du kannst weder sagen, wann du
losfährst, noch wann du ankommst. Aber Zugfahren macht Lust auf
Forschungsreisen. Warum kommt ein Zug zu spät? Was passiert dabei?
Wonach riecht es da eigentlich? Und was ist die Zusammensetzung der
Pfützen auf dem Boden?
Das klären wir vielleicht ein anderes
Mal...