Es war inzwischen Mai, ein
wunderschöner, und im Hause Comorph hatte es vor einiger Zeit
Nachwuchs gegeben.
Man war eingeladen, die Jugendweihe des
Neffen zu feiern, im idyllischen Nebenort, umgeben von Wäldern und
Bergen. Die Sonne schien und nachdem man endlich die Koliken des
Nachwuchses in Griff bekommen hatte, konnte man diesen in Jacke und
Mütze hüllen, in die Sitzschale schnallen, den Kinderwagen falten
und einen weiteren Großteil Babyutensilien (die man ja jetzt immer
mitführen muss) in das Auto des netten Onkels laden, der bereit war
alle und alles abzuholen. Leider passte nicht alles ins eigene Auto.
Kleinstwagen haben Vor und Nachteile!
Herrliches Schweigen besänftigte die
Kolik-Schrei-geplagten Ohren der Eltern während der Fahrt. Baby fand
es zum Glück super, im Auto zu fahren. Die Feier sollte im
Schanzenhotel stattfinden, am Stadtrand gelegen, hinter hundert
Einbahnstraßen die steil bergauf führten. Eine schöne Gegend! Man
schmiedete gleich Pläne, nach der Kaffeetafel einen Rundgang zu
machen.
Nach und nach trafen auch alle Gäste
ein und man betrat das Hotel. Die Nette Empfangsdame erklärte den
Weg ins Restaurant und für Kinderwagen schiebende Eltern stand ein
Fahrstuhl bereit. Schön. Beim Warten auf die Fahrstuhlkabine, man
wartete lange, konnte man ein tolles Angebot für ein Cleopatrabad
studieren. Für 2 Personen, mit Champagner, Kerzen und Ruhe... das
klang wundervoll für frischgebackene Eltern. Nebenbei vermutete Frau
Comorph allerdings einen Zusammenhang zwischen langem Fahrstuhlwarten
und dort platzierten Angeboten.
Das Restaurant war schön. Es gab einen
separaten Raum, in dem für alle 19 Personen eingedeckt war. Die
Gardinen rochen frisch gewaschen und bis auf einen seltsamen
staubbedeckten Tisch mit Weinflaschen in der Ecke war der Raum auch
sauber. Der Kuchen wurde am Nebentisch aufgebaut und die Kellnerin
fragte nach Wünschen, falls jemand nicht von dem Kaffee auf dem
Tisch wollte. Frau Comorph wollte Tee. Schwarzen Tee.
„Ja, wir haben da zwei Sorten. Assam
und....“ grübelte die junge Dame.
„Assam ist Ok, den nehme ich.“
Antwortete Frau Comorph. Sie bekam dann auch bald ein hübsches
Teekännchen mit zwei Beuteln Assamtee gebracht.
„Darjeeling heißt der andere!“
teilte die Kellnerin freudestrahlend mit. Nunja. Kann man sich ja
auch nicht so unbedingt merken. Zwei Sorten Tee. Und dann auch noch
Fremdwörter.
Man bediente sich am Kaffee und stellte
die Abwesenheit von Milch fest. Auch die Sahne, die zum Kuchen
serviert werden sollte, glänzte mit Abwesenheit. Beides wurde
nachgeordert und nachdem der Erdbeerkuchen fast verzehrt wurde, kam
auch die Sahne. Ohne Löffel. Aber man will ja nicht so sein, und
nahm die Kaffeelöffel. Sahne schmeckt auch pur.
Nach dem Kaffee beschloss man
Spaziergänge zu machen. Baby wurde von einem Neffen mit Freundin
entführt zum „Familiesein üben“. Alle anderen gingen ihrer
Wege. Frau Comorph, ihr Freund und der Onkel liefen die Stufen der
benachbarten Sprungschanze hinauf, um von Oben nach Unten zu schaun.
Viele Menschen laufen gerne nach Oben um von dort nach Unten zu
schaun und um dabei festzustellen, wie schön es doch Unten ist. Also
lief man wieder nach Unten. Dabei bewunderte Frau Comorph die
Blümchen am Wegesrand.
Irgendwann sammelte sie das Baby ein
und gemeinsam rollten sie zurück ins Restaurant – Baby hatte
Hunger. Der Kellner faltete Servierten und zeigte sich unbeeindruckt
von ihrer Anwesenheit. Nach und nach traf auch der Rest der Familie
ein und man sammelte sich abseits des Tisches um dem Kellner noch
Zeit zu geben diverse Weingläser auf den Tisch zu stellen.
Glücklicherweise hatte niemand einen Getränkewunsch, wäre er damit
bestimmt überfordert gewesen. Er räumte den Kuchen ab, der nach
zwei Stunden nun auch den Raum verlassen durfte, die krümelige
Tischdecke jedoch blieb den ganzen Abend.
Babys Windel war inzwischen gut gefüllt
und wollte gewechselt werden.
„Entschuldigen Sie bitte, wo finde
ich denn einen Wickeltisch?“ ein gutes Hotel und Restaurant besitzt
so etwas.
„Hmm, vermutlich hier auf der
Damentoilette...“ vermutete der Kellner. Vermutete er jedoch
falsch, denn auf der Damentoilette befand sich nur die Damentoilette.
Die Dame an der Rezeption bekommt hier jetzt das Sternchen fürs
Auskennen am Arbeitsplatz, denn sie wusste, dass es einen Wickeltisch
im Erdgeschoss in der Behindertentoilette gab. Hier war es schön
geräumig, es gab ein frisches Handtuch zum Unterlegen und sogar
Windeln und Feuchttücher.
Es war nun 18 Uhr und man setzte sich
an den Tisch. Die Kellnerin kam um nach Getränkewünschen zu fragen.
Milchkaffee gab es leider keinen, denn der Kaffeeautomat war hinüber
und Malzbier stand auch nicht auf der Karte. Na, Cola war auch ne
Lösung.
Die Getränke wurden gebracht und dann
folgte die Speisekarte. Der geübte Restaurantbenutzer erkennt hier
vielleicht den Irrsinn in der Reihenfolge. Die Zeit verging bis man
gewählt und endlich bestellen durfte. Und noch viel mehr Zeit rann
vorüber bis die ersten Gerichte gebracht wurden.
Frau Comorph hatte Bandnudeln mit
Rucolapesto, Cocktailtomaten und Parmesan bestellt und bekam als eine
der Ersten das Essen. Sehr lecker. Vor allem einhändig zu essen, da
Baby zu der Zeit auf ihrem Schoß und auch wirklich nur dort schlafen
wollte. Schnitzel wäre auch lecker gewesen, aber das hätte so nicht
funktioniert. Später hat sie es ein wenig bereut, da die Portion
doch etwas klein war. Aber immerhin hatte sie weder Putensteak noch
Schweinemedallions bestellt, denn von diesen Gerichten war nicht eins
genießbar. Die Putensteaks waren nicht durchgebraten und die
Medallions verdorben. Auch ein Schweineschnitzel musste reklamiert
werden. Insgesamt wurden bei 6 von 19 Gerichten grobe Mängel
bemerkt, die zu allgemeiner Unzufriedenheit sorgten. Sogar am
Nebentisch musste sich der Kellner eine Beschwerde anhören. Wer
vermutet auch in einem 4-Sterne Restaurant eine solche Qualität? Zum
Glück kann man bei Nudeln nichts falsch machen, dachte Frau Comorph,
während sie mit halbvollem Magen nach den Schnitzeln der
Sitznachbarn schielte. Als Entschädigung „da es wohl zu einigen
Unzufriedenheiten“ kam, wie die Kellnerin es ausdrückte, durfte
man sich ein Dessert oder einen Schnaps aussuchen. Frau Comorph
wählte das Toffifee-Parfait. Für diejenigen, die hier mit den
Begriffen nichts anzufangen wissen, wird auf der Karte erklärt, dass
es sich bei einem Toffifee um eine Süßigkeit aus Nougat, Nuss und
Karamell handelt. Tja, wer hätts gewusst? Was ein Parfait ist weiß
ja schließlich jedes Kind, muss hier ja nicht erwähnt werden!
Zumindest war diese Nachspeise sehr
lecker, auch wenn die hellbraune Scheibe, garniert mit einem Blatt
Melisse ein wenig an ein Bild aus der Sheba Werbung erinnerte.
Am Ende des Tages war man also mehr
oder weniger satt und hatte auch mehr oder weniger bekommen was man
wollte. Man war sich jedoch sicher, diese Gaststätte nicht wieder zu
besuchen. Baby war müde, viele waren genervt, der Kellner abwesend -
sonst hätte Frau Comorph ihm noch den Weg zum Wickeltisch erklärt –
und der Abend war somit gelaufen. Allein eine Cocktailtrinkende Runde
am Ende des Tisches genoss noch ein wenig länger den Abend, als
Familie Comorph sich verabschiedete. Zu Hause gab es erstmal eine
große Scheibe Käse. ...auch wenn sie lieber ein Schnitzel gehabt
hätte...

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