Wenn eine Stiftekollegin krank ist, ist
das nicht so schlimm. Wenn dagegen eine weitere Kollegin im Urlaub
ist, ist das schlimmer. Die Restlichen 3 Stiftverkäuferinnen
arbeiten dann 6 Tage durch und freuen sich auf den Sonntag. Das ist
Montags nicht so schlimm, Freitags jedoch schon wieder anders!
Normalerweise endet ein Freitag Abend mit den Worten: Leckt mich am
Arsch, wir sehen uns im nächsten Leben! Also Montag. 2 Tage
Wochenende, yey!
Aber ein Freitag in diesem Fall ist
anders. Man denkt: Waah. Noch 1x arbeiten. Und nur bis 4!
Samstag. Müde Gesichter stehen im hell
erleuchteten Stifteladen, die Luft ist raus, der Spaß aufgebraucht.
Was bleibt ist trockenes Verkaufen ohne Spaß und Scherz. Die Kunden
jedoch, man weiß nicht woher, die wissen das! Und sie nutzen es aus.
Morgens kommen sie gar nicht. Frau
Comorph und ihre Kollegen stehen im Halbschlaf in düsteren Ecken und
wischen etwas Staub von den Regalen. Noch 6 Stunden.
Man hat sich nichts mehr zu erzählen.
Man schweigt. Langsam rollen Staubfussel durch den Laden.
Die gemeine Stiftverkäuferin wischt
das Bad und kocht Tee.
Noch 5 Stunden.
Frühstückspause. Hier wiederum wird
das plötzliche Verschwinden einer Stiftverkäuferin von der
Bildfläche sofort von den draußen lauernden Finsterkunden genutzt.
Ein Schwadron, bestehend aus Schulranzenmutti, Kinderwagen mit
schreiendem Säugling, 3 jähriger Nervensäge und 6 jährigem
Schulranzenkunden stürmt den Laden, bewaffnet mit einem gut
vorbereiteten Katalog an Spezialfragen. Eine Kollegin ausgeschaltet.
Sie kontert Fragen wie: Was wiegt der Ranzen, ist der nicht zu schwer
und warum hat der von Stiftung Warentest kein „Sehr Gut“
erhalten? Gekonnt mit passenden Antworten. Schweres Gefecht am
Schulranzenregal.
Frau Comorph trifft auf Rentnerehepaar.
„Ich hab einen teuren Stift gekauft“
zeigt auf 30,- Kuli. „Die Mine schreibt nicht richtig!“ finstere
Miene, da die Supermarke den Kunden beschissen hat!
„Bringen Sie den Stift und den
Kassenbon mit, ich kann das dann reklamieren.“
„Jaaa. Aber Sie können mir doch die
Mine gleich mit geben. Dann bring ich Ihnen das nächste mal die alte
mit.“
Im Hintergrund schreit der Säugling.
„Nein, das geht leider nicht.“
„Sie WOLLEN bloß nicht!“
„Nein, (langsam platzt mir der
Kragen) ich muss das belegen, ich kann Ihnen die nicht einfach so
mitgeben.“
„Ja, warum denn nicht? Dann muss ich
ja nochmal kommen!“
Im Hintergrund schreien Säugling und 3
Jähriger, weil er nicht das tolle silberne Auto bekommt.
„Ich kann das mit dem Kassensystem
nicht einfach ausbuchen, dass ich Ihnen eine Mine schenke, das gibt
Ärger mit der Buchhaltung, weil ein Artikel nicht ohne Gegenbeleg
ausgetauscht werden kann..“
Kunde verlässt den Laden, sauer, ist
auch nie wieder aufgetaucht.
Frau Comorph geht zur Pause und trinkt
eine Tasse beruhigenden Tee.
Noch 4 Stunden.
Das Schulranzenschwadron schlendert aus
dem Laden, nimmt dabei göttlicherweise den damit verbundenen
Kinderkrach mit.
5Minuten Ruhe, die Stiftverkäuferinnen
räumen auf.
Gerade als sich die Begebenheiten im
Laden auf eine normales Maß eingependelt haben, trifft ein neues
Schwadron ein. Diesmal sind es verschiedene Kunden, die sich im
Vorfeld gesammelt haben um gemeinsam an den Nerven der Verkäuferinnen
zu rütteln. Diverse Rentner, eine Gruppe albernder Jugendlicher,
eine Frau mit pubertierender Tochter, die Konfirmationseinladungen
und die damit verbundene lange Beratung benötigt, eine Stammkundin
mit Hund und ein Kunde mit Pudel.
Während nun eine Kollegin die
Einladungskarten verkauft und ein Auge auf die Jugendlichen hat,
kümmert sich Frau Comorph um das Kassieren der Trauerkartenkaufenden
Rentner, berät den Kunden mit dem Hund, der ein wütendes Gebell mit
dem Pudel anfängt, dessen Herrchen bei der anderen Kollegin einen
Kuli kauft, beschwichtigt weitere Rentner, die einen Moment an der
Kasse warten müssen. Und wie auf ein geheimes Zeichen stürmen alle
wieder aus dem Laden.
Noch 3 Stunden bis Feierabend. Die
Mittagspausenzeit fängt an und nacheinander verschwinden die
Stiftverkäuferinnen in den Keller um dort eine halbe Stunde lang
abzuschalten.
Kurz vor Feierabend, man räumt das
letzte mal den Laden auf, Frau Comorph sucht eine Feierabend Deko
aus, eine andere Stiftekollegin wäscht das Geschirr ab und bringt
den Müll raus. Alles ist ruhig und still. Zu ruhig. Der Wahnsinn
kratzt bereits an den Hirnrinden der Verkäuferinnen. Jeden Moment
kann noch ein unverhoffter Kunde den lange herbeigesehnten Feierabend
versauen. Noch 15 Minuten. Die Stiftekolleginnen räumen die
Kartenständer rein und kontrollieren ein letztes Mal den Laden.
Eine Kundin betritt den Laden und
möchte noch schnell ein Schulheft kaufen. Das ist schnell erledigt.
Die Feierabend Deko wird ausgebreitet. Noch 3 Minuten.
Eine Kundin und ihre Tochter betreten
den Laden.
„Haben Sie noch auf?“ Eine seltsame
Frage, wenn man schon im Laden steht. Dieser aber schon halb
unbeleuchtet ist, die Ständer im Inneren stehen und auf dem Boden
eine Schulranzendeko steht.
„Ja, was kann ich für Sie tun?“
fragt die gemeine Stiftverkäuferin.
„Wir möchten
Konfirmationseinladungen basteln und brauchen da noch ein paar
Aufkleber.“
Die nächsten Minuten verbringt Frau
Comorph mit der Dame, die in ihrem Handy nach Bildern von
Einladungskarten sucht und nicht verstehen will, dass es die
Aufkleber aus dem Internetz nicht im Stifteladen gibt, auch nicht auf
Bestellung und auch nicht in diversen Katalogen.
Nach gefühlten Stunden verlässt die
Kundin dann den Stifteladen und Frau Comorph kann endlich Feierabend
machen. Den hat sie auch verdient, denn das leichte Hirnrindenkratzen
ist in den letzten Minuten zu einer Freddy Krueger Kralle geworden,
die ihr die Geduld zerfleischt.
„Ich frag mich, wie du dabei so ruhig
bleiben kannst.“ sagte später die Kollegin zu Frau Comorph.
„Das frag ich mich manchmal auch.“
antwortete sie, in Gedanken bei ihren Kundenförmigen Voodoopuppen zu
Hause.
Gerade an Zahnfleischtagen muss man die
Geduld eines Katzendompteurs haben, die Ruhe eines
Bierdeckelturmbastlers und die Ausgeglichenheit eines Shaolinmönches.
Denn nur so hat auch der letzte Kunde das Gefühl ordentlich beraten
worden zu sein.
Aber, liebe potentielle Stiftekunden:
wehe euch, beträtet ihr demnächst den Stifteladen kurz vor
Feierabend und stellt wahnwitzige, wunderliche
wieso-weshalb-warum-Fragen, dann sieht euch vor! Denn die
Stiftverkäuferin kann auch wie die wildgewordene Katze, den Dompteur
zerfleischen, Bierdeckel wie Ninjasterne werfen und austreten wie
Shaolinmönche, denen man mit dummen Fragen die Meditationsruhe
stört. Und notfalls... es gibt immer einen großen Vorrat an
angespitzten Bleistiften!
Hund und Pudel? Ein Unterschied? =) Sehr sehr witzig verfasst
AntwortenLöschenDie Shaolin-Ninja-Stifteverkäuferin die Bierdeckel wirft und mit ihren Krallen auf einen zukommt - möchte ich persönlich nicht kennen lernen, aber von Weitem gerne mal beobachten....
AntwortenLöschenOh ja, so stelle ich mir das vor...Vermeide es auch immer, kurz vor Schluss irgendwo hineinzustürmen, andere möchten schließlich auch mal Feierabend haben...
AntwortenLöschenEin toller Beitrag, auch wenn der Tag nicht so toll war.