Mittwoch, 16. Januar 2013

Zahnfleischtage



Wenn eine Stiftekollegin krank ist, ist das nicht so schlimm. Wenn dagegen eine weitere Kollegin im Urlaub ist, ist das schlimmer. Die Restlichen 3 Stiftverkäuferinnen arbeiten dann 6 Tage durch und freuen sich auf den Sonntag. Das ist Montags nicht so schlimm, Freitags jedoch schon wieder anders! Normalerweise endet ein Freitag Abend mit den Worten: Leckt mich am Arsch, wir sehen uns im nächsten Leben! Also Montag. 2 Tage Wochenende, yey!
Aber ein Freitag in diesem Fall ist anders. Man denkt: Waah. Noch 1x arbeiten. Und nur bis 4!

Samstag. Müde Gesichter stehen im hell erleuchteten Stifteladen, die Luft ist raus, der Spaß aufgebraucht. Was bleibt ist trockenes Verkaufen ohne Spaß und Scherz. Die Kunden jedoch, man weiß nicht woher, die wissen das! Und sie nutzen es aus.
Morgens kommen sie gar nicht. Frau Comorph und ihre Kollegen stehen im Halbschlaf in düsteren Ecken und wischen etwas Staub von den Regalen. Noch 6 Stunden.
Man hat sich nichts mehr zu erzählen. Man schweigt. Langsam rollen Staubfussel durch den Laden.
Die gemeine Stiftverkäuferin wischt das Bad und kocht Tee.
Noch 5 Stunden.
Frühstückspause. Hier wiederum wird das plötzliche Verschwinden einer Stiftverkäuferin von der Bildfläche sofort von den draußen lauernden Finsterkunden genutzt. Ein Schwadron, bestehend aus Schulranzenmutti, Kinderwagen mit schreiendem Säugling, 3 jähriger Nervensäge und 6 jährigem Schulranzenkunden stürmt den Laden, bewaffnet mit einem gut vorbereiteten Katalog an Spezialfragen. Eine Kollegin ausgeschaltet. Sie kontert Fragen wie: Was wiegt der Ranzen, ist der nicht zu schwer und warum hat der von Stiftung Warentest kein „Sehr Gut“ erhalten? Gekonnt mit passenden Antworten. Schweres Gefecht am Schulranzenregal.
Frau Comorph trifft auf Rentnerehepaar.
„Ich hab einen teuren Stift gekauft“ zeigt auf 30,- Kuli. „Die Mine schreibt nicht richtig!“ finstere Miene, da die Supermarke den Kunden beschissen hat!
„Bringen Sie den Stift und den Kassenbon mit, ich kann das dann reklamieren.“
„Jaaa. Aber Sie können mir doch die Mine gleich mit geben. Dann bring ich Ihnen das nächste mal die alte mit.“
Im Hintergrund schreit der Säugling.
„Nein, das geht leider nicht.“
„Sie WOLLEN bloß nicht!“
„Nein, (langsam platzt mir der Kragen) ich muss das belegen, ich kann Ihnen die nicht einfach so mitgeben.“
„Ja, warum denn nicht? Dann muss ich ja nochmal kommen!“
Im Hintergrund schreien Säugling und 3 Jähriger, weil er nicht das tolle silberne Auto bekommt.
„Ich kann das mit dem Kassensystem nicht einfach ausbuchen, dass ich Ihnen eine Mine schenke, das gibt Ärger mit der Buchhaltung, weil ein Artikel nicht ohne Gegenbeleg ausgetauscht werden kann..“
Kunde verlässt den Laden, sauer, ist auch nie wieder aufgetaucht.
Frau Comorph geht zur Pause und trinkt eine Tasse beruhigenden Tee.
Noch 4 Stunden.
Das Schulranzenschwadron schlendert aus dem Laden, nimmt dabei göttlicherweise den damit verbundenen Kinderkrach mit.
5Minuten Ruhe, die Stiftverkäuferinnen räumen auf.
Gerade als sich die Begebenheiten im Laden auf eine normales Maß eingependelt haben, trifft ein neues Schwadron ein. Diesmal sind es verschiedene Kunden, die sich im Vorfeld gesammelt haben um gemeinsam an den Nerven der Verkäuferinnen zu rütteln. Diverse Rentner, eine Gruppe albernder Jugendlicher, eine Frau mit pubertierender Tochter, die Konfirmationseinladungen und die damit verbundene lange Beratung benötigt, eine Stammkundin mit Hund und ein Kunde mit Pudel.
Während nun eine Kollegin die Einladungskarten verkauft und ein Auge auf die Jugendlichen hat, kümmert sich Frau Comorph um das Kassieren der Trauerkartenkaufenden Rentner, berät den Kunden mit dem Hund, der ein wütendes Gebell mit dem Pudel anfängt, dessen Herrchen bei der anderen Kollegin einen Kuli kauft, beschwichtigt weitere Rentner, die einen Moment an der Kasse warten müssen. Und wie auf ein geheimes Zeichen stürmen alle wieder aus dem Laden.
Noch 3 Stunden bis Feierabend. Die Mittagspausenzeit fängt an und nacheinander verschwinden die Stiftverkäuferinnen in den Keller um dort eine halbe Stunde lang abzuschalten.
Kurz vor Feierabend, man räumt das letzte mal den Laden auf, Frau Comorph sucht eine Feierabend Deko aus, eine andere Stiftekollegin wäscht das Geschirr ab und bringt den Müll raus. Alles ist ruhig und still. Zu ruhig. Der Wahnsinn kratzt bereits an den Hirnrinden der Verkäuferinnen. Jeden Moment kann noch ein unverhoffter Kunde den lange herbeigesehnten Feierabend versauen. Noch 15 Minuten. Die Stiftekolleginnen räumen die Kartenständer rein und kontrollieren ein letztes Mal den Laden.
Eine Kundin betritt den Laden und möchte noch schnell ein Schulheft kaufen. Das ist schnell erledigt. Die Feierabend Deko wird ausgebreitet. Noch 3 Minuten.
Eine Kundin und ihre Tochter betreten den Laden.
„Haben Sie noch auf?“ Eine seltsame Frage, wenn man schon im Laden steht. Dieser aber schon halb unbeleuchtet ist, die Ständer im Inneren stehen und auf dem Boden eine Schulranzendeko steht.
„Ja, was kann ich für Sie tun?“ fragt die gemeine Stiftverkäuferin.
„Wir möchten Konfirmationseinladungen basteln und brauchen da noch ein paar Aufkleber.“
Die nächsten Minuten verbringt Frau Comorph mit der Dame, die in ihrem Handy nach Bildern von Einladungskarten sucht und nicht verstehen will, dass es die Aufkleber aus dem Internetz nicht im Stifteladen gibt, auch nicht auf Bestellung und auch nicht in diversen Katalogen.
Nach gefühlten Stunden verlässt die Kundin dann den Stifteladen und Frau Comorph kann endlich Feierabend machen. Den hat sie auch verdient, denn das leichte Hirnrindenkratzen ist in den letzten Minuten zu einer Freddy Krueger Kralle geworden, die ihr die Geduld zerfleischt.
„Ich frag mich, wie du dabei so ruhig bleiben kannst.“ sagte später die Kollegin zu Frau Comorph.
„Das frag ich mich manchmal auch.“ antwortete sie, in Gedanken bei ihren Kundenförmigen Voodoopuppen zu Hause.
Gerade an Zahnfleischtagen muss man die Geduld eines Katzendompteurs haben, die Ruhe eines Bierdeckelturmbastlers und die Ausgeglichenheit eines Shaolinmönches. Denn nur so hat auch der letzte Kunde das Gefühl ordentlich beraten worden zu sein.
Aber, liebe potentielle Stiftekunden: wehe euch, beträtet ihr demnächst den Stifteladen kurz vor Feierabend und stellt wahnwitzige, wunderliche wieso-weshalb-warum-Fragen, dann sieht euch vor! Denn die Stiftverkäuferin kann auch wie die wildgewordene Katze, den Dompteur zerfleischen, Bierdeckel wie Ninjasterne werfen und austreten wie Shaolinmönche, denen man mit dummen Fragen die Meditationsruhe stört. Und notfalls... es gibt immer einen großen Vorrat an angespitzten Bleistiften!

3 Kommentare:

  1. Hund und Pudel? Ein Unterschied? =) Sehr sehr witzig verfasst

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  2. Die Shaolin-Ninja-Stifteverkäuferin die Bierdeckel wirft und mit ihren Krallen auf einen zukommt - möchte ich persönlich nicht kennen lernen, aber von Weitem gerne mal beobachten....

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  3. Oh ja, so stelle ich mir das vor...Vermeide es auch immer, kurz vor Schluss irgendwo hineinzustürmen, andere möchten schließlich auch mal Feierabend haben...

    Ein toller Beitrag, auch wenn der Tag nicht so toll war.

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